Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die Weltreligionen
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 235 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Weltreligionen seit Jahrtausenden kraft ihrer Religion, kann nur kraft ihrer leben, und diese Religion lebt seit Jahrtausenden kraft dieser Menschengemeinschaft, kann nur kraft ihrer leben. Es ist deshalb ein vergebliches, und auch ein unnützes, Bemühen, die jüdische Geschichte, die jüdische Gegenwart und die jüdische Zukunft in den Begriff der bloßen Nation oder nur in den der reinen Glaubensgemeinschaft einfügen zu wollen. Wenn etwas wiederholt werden darf, was vor Jahren ein Aufsatz über Lebensgrund und Lebensgehalt darzulegen versuchte (Monatsschrift „Der Jude", II, 81): „Ein Jüdisches, welches bloße jüdische Nation wie alle die anderen auf unserer Erde sein wollte und nicht das „eine Volk" von dem das Gebet spricht, das bedeutete die radikalste Assimilation, eine Assimilation, die nicht den einen und anderen nur ergriffe, sondern das Ganze und Gesamte enteignete — ein expropriiertes jüdisches Dasein. Und wiederum ein Jüdisches, welches bloß die jüdische Idee sein möchte und nichts von ihrem Lebensträger wüßte, nichts von der Daseinsbedingung und dem Daseinsgebot, das bedeutete eine Sterilisation, eine Versetzung in den luftleeren Raum — ein Judentum unter der Glasglocke." In dieser seiner Eigenart, in dieser seiner eigentümlichen Verbindung ist das Judentum, wie es geschichtlich geworden ist, durchaus sui generis und daher nur durch sich zu definieren, gewissermaßen ein „hapax eiremenon", ein einmaliges Wort des Weltenschöpfers. Diese beiden Kräfte, das Universelle und das Gebundene, sind aber in allen großen Religionen, und sie treten immer wieder in einen Gegensatz, in eine Spannung zueinander. Die anglikanische Kirche und der deutsche Protestantismus sind, nicht nur, aber ganz wesentlich, hieraus hervorgegangen, und wie sehr ein Gleiches z. B. innerhalb des Katholizismus fortwirkte, zeigen die Bewegungen, die im achtzehnten Jahrhundert an Justinus Febronius, im neunzehnten an Isaac Thomas Hecker anknüpften, und auch die reiche, wundersame Persönlichkeit von Kardinal Newman läßt manches davon erkennen. Noch weit deutlicher weist es die russische Kirche auf, wenigstens wie sie sich einem Dostojewski darstellte. Es ist kein Zweife|, daß im Judentum diese Spannung besonders stark ist Zwar ist es kein vereinzelter und kein bloß gelegentlicher Satz: „Ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen an: es sei einer Israelit oder Heide, Mann oder Frau, Knecht oder Magd, wenn er das Gute tut, so ruht auf ihm der heilige Geist" (Tanna debe Elijahu p. 48); aber es gibt doch mindestens ebenso viele Sätze, in denen ein jüdisches Selbst- und Eigenbewußtsein spricht. Allein dieses selbe ist, wie gesagt, im Grunde allen Welt- 235