Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1931)
- Article
- [Rezension] / Lazarus, Paul
- Date
- 1931-06-01
- Page
- 204 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Anzeigen Martin Philippson, Neueste Geschichte des jüdischen Volkes- Band II, zweite verm. u. verb. Aufl., bearbeitet von Immanuel Bernfeld, Frankfurt ig3o, I. Kauffmann Verlag, br. m 9-—, geb. M 12.60. Der zweite Band von Philippsons „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes", der im Jahre 1910 in erster Auflage erschienen ist, liegt nunmehr in zweiter und verbesserter Auflage vor. Der Bearbeiter, Immanuel Bernfeld, hat pietätvoll die Herausgabe dieses zweiten Bandes besorgt und die Darstellung Philippsons bis zum Weltkriege fortgesetzt. Durchgreifende Änderungen sind vom Herausgeber nur selten vorgenommen: offenkundige Irrtümer, die in der ersten Auflage sich finden, sind verbessert; so sind vor allem die statistischen Angaben auf den heutigen Stand der Forschung gebracht worden. Neu bearbeitet ist auch das Kapitel: „Die Geschichte der Juden auf dem Balkan und im fernen Osten." Besonders wertvoll sind die literarischen Anmerkungen, die naturgemäß durch die seit der ersten Auflage neu erschienene und weit verstreute Literatur (insbesondere Spezialliteratur) ergänzt worden sind. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Judenhaß wie eine Sintflut über uns hereingebrochen ist, wird die Lektüre dieses zweiten Bandes,, dessen fünftes Buch den Anbisemitismus in West- und Mitteleuropa schildert, Juden und vor allem auch Nichtjuden wertvolle Dienste leisten können, um so mehr, als aus jeder Zeile dieses Buches die Objektivität des wahren Geschichtsforschers spricht, der seiner Aufgabe, der Erforschung der Wahrheit, immer bewußt bleibt. Das sechste Buch aber, das eine Darstellung des europäisch-amerikanischen Judentums an der Wende des 19. Jahrhunderts gibt und in mehreren Kapiteln „Praktisches Judentum", „Die nationale Bewegung", „Die Reform", „Die Juden im Leben "der Völker" u. a. darbietet, kann gerade dem Juden unserer Tage ein wertvoller., objektiv und behutsam wertender Führer durch den Parteikampf der Gegenwart sein und ihm das bei aller Verschiedenheit der Ansichten Gemeinsame immer wieder aufzeigen. Wie bereits die erste Auflage dieses zweiten Bandes einem jeden, der mit jüdischer Geschichte sich beschäftigte, geradezu unentbehrlich geworden war, wird dieses Werk in dem nunmehr veränderten neuen Gewände zu den alten Freunden neue sich gewinnen. Möge das Buch dazu beitragen, alte Vorurteile zu beseitigen und die Liebe zur Religion und zu der Geschichte unserer Gemeinschaft zu stärken. Paul Lazarus. Siegfried Weinberg: „Erkenntnistheorie; eine Untersuchung ihrer Aufgabe und ihrer Problematik". Carl Heymanns Verlag, Berlin ig3o. Alle Erkenntnistheorie führt in den Mittelpunkt philosophischer Entscheidungen, denn sie ist der Boden, auf dem der Streit um die Frage „was ist überhaupt Wahrheit" ausgefochten wird. Wir begrüßen die vorliegende Arbeit von Weinberg, erstens, weil sie kurz und doch klar — keine Schwierigkeit verleugnend und doch immer auch dem Laien verständlich — den ganzen Ernst der Frage begreifen läßt; und zweitens deshalb, weil sie nicht irreführt, d. h. keine verkappte Platzbereitung für eine neue Dogmatik ist, sondern gerade den kantisch-kritischen Gedanken von der Unmöglichkeit aller Metaphysik konsequent festhält. Hier liegt das Hauptverdienst der Schrift: sie gibt der grundsätzlichen Stellungnahme Kants eine so eindeutige Schärfe, daß ein nachträgliches Wiederabgleiten in den Fehler der Dogmatik nahezu unmöglich für den aufmerksamen Leser gemacht wird. (Wie nötig ist unserer Zeit „niveaulosen" Philosophierens ein solches Buch . . . unserer Zeit, in der das Erbe Kants, von Hermann Cohens Händen lange sorgfältig behütet, nun von den meisten seiner einstigen Anhänger in metaphysischen Spekulationen vertan und preisgegeben wird.) Diei Weinbergsche Arbeit gehört zu den wenigen Büchern, die — wie etwa das leider längst vergessene Buch Anton von Leclairs über den „Realismus in der modernen Naturwissenschaft" es einst getan hat — das Tor zum eigentlichen Verstehen des kritizistischen Geistes wieder öffnen. Es ist ein Anfang. Wir hoffen, daß ihm weitere philosophische Arbeiten folgen werden, die zugleich reif und fruchtbar sind, weil sie sowohl Kant als auch dem Leben eng verbunden sind. 204