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Der Morgen · 1930-12-01 · Heft 5 (Dezember 1930) · p. 417

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 5 (Dezember 1930)
Article
Persönlichkeit oder Masse
Date
1930-12-01
Page
417 (sequence 7)
Language
German
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Persönlichkeit oder Masse? Menschlichkeitsgebot den politischen Meuchelmord nicht mehr zu hemmen und den Gräberfrieden nicht mehr zu schirmen vermag. Wie steht die neue Gemeinschaftsbewegung zur Religion und den religiösen Vereinigungen? Daß dem proletarischen Kollektivismus die Verinnerlichung des Menschen in einer religiösen Überzeugung mindestens unbequem und verächtlich ist, daß er eine Gemeinschaft im Glauben als seinen Zwecken feindlich empfindet, kann nicht ernsthaft bestritten werden. Der überhitzte Nationalismus römischer Prägung hat sich in seinem Ursprungslande bisher aus Gründen der Klugheit und Staatskunst mit der Kirche vertragen und damit eigentlich sein wahres Gesicht verhüllt. Insoweit die faszistische Welle über Deutschland gerollt ist, hat sie zunächst durch die unerhörten Ausfälle gegen das Judentum die Erkenntnis gefördert, daß die neue Lehre der nationalen Integration die Duldsamkeit nicht kennt, sondern bösartig und erbittert bekämpft. Insoweit besteht also Klarheit Aber auch die anderen Bekenntnisgemeinschaften werden sich vorsehen müssen. Der Nationalismus ist seinem Wesen nach unmenschlich. Er vermag zwar an den seelischen Urbesitz religiöser Überzeugung nicht zu rühren. Insoweit aber diese Überzeugung nach Gemeinschaftsbildungen verlangt, nach Stärkung in der Gemeinsamkeit des religiösen Erlebens und Gebrauchtums, kann der Götze des Nationalismus die Verehrung Gottes nicht ertragen. Seine Pflichtenlehre der Macht ist tief unsittlich und daher eine Todfeindin der Religion. Es bedürfte der eindringenden Untersuchung, inwiefern bestimmte Warnungszeichen, die uns die Krankheit unserer Zeit verkünden, zurückzuführen seien auf die allgemeine Not, auf die Erwerbslosigkeit und deren sittenverderbenden Einfluß oder auf die Ansätze, die auf eine neue Gemeinschaft hindeuten und auf eine Minderbewertung des Einzelschicksals. Es mag sein, daß diese Antriebe zusammenwirken, daß der eine ohne den anderen nicht gedacht werden kann. So verstehen wir die fortschreitende Auflösung des Familienverbandes, das Erlahmen seiner erzieherischen Kräfte. So begreifen wir die oftmals unmenschliche Härte und Lieblosigkeit gegen die Alten und Schwachen. So scheint auch unsere Zeit reif zu werden, um eine Forderung zu erfüllen, die seit Jahren immer wieder erhoben wird, reif für die Vernichtung lebensunwerten Lebens, das der Gemeinschaft nichts nützt, sondern sie geldlich belastet. Ich erinnere mich hier an eine öffentliche Erörterung, bei der eine Ärztin sich rückhaltlos für die Tötung idiotischer Kinder einsetzte. Als ich ihr entgegentrat mit Berufung auf das Tötungsverbot des religiösen Gesetzes und auf 417

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