Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Antwort auf einen "Offenen Brief an die Deutschen Juden"
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 301 (sequence 2)
- Language
- German
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Antwort auf einen „Offenen Brief an die Deutschen Juden" umfassender sein muß als eine jüdische Abwehr und systematischer als die bisher geübte. Wer ist der Gegner und in welcher Richtung marschiert er? Nicht die von dem jungen Friedrich Naumann herkommen, von einem einseitig gedeuteten Idealismus Fichtes sind die Gefahr. Nicht die ewigen Soldaten, dichtenden Abenteurer und Jünger. Die Gefahr ist das Gros, der sinnlos festes und morsches Holz vernichtende Waldbrand. Es sind die Massen der „kleinen Leute", die ihre wirtschaftliche Entwurzelung und Proletarisierung nicht als zwangsläufige Erscheinung heutiger Entwicklungsstufe fassen können, sondern sie als persönliche Kränkung empfinden; die ein Meer brauchen, das sie mit Ketten peitschen können. Es sind nur allzu oft diejenigen, deren Begabung für ihren Ehrgeiz nicht ausreicht, die sich einen Platz im Leben nicht im ehrlichen Wettkampf erringen können. Von dorther der Zustrom von Studenten, Beamten und kleinen Politikern. Und am gefährlichsten — neben dem für jeden käuflichen Gesindel — die Menschen, die aus den Tiefen jeder Axt — nur nicht geistigen — kommen, mit den letzten Spuren einer Sehnsucht nach Rechtfertigung begabt, denen der Nationalsozialismus — wie er in der NSDAP, und ihren Splittergruppen in Erscheinung tritt — willig eine Glorie für alle Schandtaten zur Verfügung stellt. Zweifellos sind jene Juden in erster Linie durch dieses Schadenfeuer gefährdet, die durch Namen und Äußeres von ihrer Umgebung zu unterscheiden sind. Zweifellos würde eine nationalsozialistische Diktatur — trotz den Versicherungen Hitlers gegenüber der amerikanischen Presse — Ausnahmegesetze gegen Juden schaffen und sie gegen Katholiken nicht wagen. Daß aber die nationalsozialistische Bewegung auch vor ihren anderen „Gegnern", liberalen, marxistischen und „jesuitischen", nicht Halt macht, zeigen allen, die bisher gezweifelt haben, die Angriffe gegen Zentrumsleute und -zeitungen im Rheinland, der Abbau der republikanischen Beamten in Thüringen. So weit die Front der Angegriffenen, so weit muß die Front der Abwehr sein. Gegen das Anschwellen der „politischen Bewegung" die Front, sagen wir es ruhig, der Anständigen, mit restloser Aufklärung durch Agitation jeder Art. Damit alle diejenigen gewonnen werden, die noch zwischen den Fronten stehen oder die zurückgeholt werden können, — die Menschen vernunftbegabt und reinen Herzens. Daß nicht alle Gruppen einer Bearbeitung zugänglich sein werden, ergibt sich aus der oben versuchten Analyse der nationalsozialistischen Bewegung. Gegen die unfriedlichen Äußerungen, wörtliche und tätliche Angriffe, Friedhofsschändungen usw. derjenigen, denen nur äußerer Druck Hemmungen auferlegt, aber Einsatz der Staatsgewalt mit aller Schärfe und Rücksichtslosigkeit — gestützt und getragen wieder von der öffentlichen Meinung der rechtlich Denkenden. Es gibt kein fruchtbringendes Ringen der Weltanschauungen in Deutschland, keine planmäßige Wirtschaft, keine Reinheit im öffentlichen und privaten Leben, solange eine Bewegung wütet, die den Kampf aller gegen alle vorbereitet, ihn selbst gegen ihren Willen vorbereiten müßte. Im Rahmen der allgemeinen Verteidigungsfront ist auch die jüdische Aufgabe gegeben — Versammlungen, Flugblätter, Plakate mit be- 301