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Der Morgen · 1930-06-01 · Heft 2 (Juni 1930) · p. 211

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 2 (Juni 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-06-01
Page
211 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Die erste Analyse des Buches, die aus einer Kmdbeitserinnerung und mehreren Träumen Freuds ihr Resultat gewinnt, enthält bereits das Ergebnis des Ganzen: Die Psychoanalyse ist nach Maylans Deutung ein Racheakt, allerdings ein unbewußter. Freuds Haß gegen das Christentum, der angeblich aus seinem Haß gegen den Vater entstanden ist, soll diese Wissenschaft geschaffen haben, um mit ihr christliche Moral und Religion zu unterwühlen und das historische Papsttum durch ein internationales Papsttum der Vernunft zu stürzen. Nur der geschulte Analytiker wird die Fehler im Einzelnen feststellen können. Wir wollen uns begnügen, auf die Willkür hinzuweisen, mit der Maylan in den Traumanalysen Einzelworte durch andere ersetzt, und daß die Kindheitserinnerung Freuds — eine antisemitische Kränkung — nicht sein eignes Erlebnis war, sondern ihm nur berichtet wurde. Vor allem muß man sich aber bei der Beurteilung dieses Buches vergegenwärtigen, daß die psychoanalytische Methode in der Hand Unberufener oder Böswilliger ein gefährliches Instrument ist. Der Analysierte kann die Motive, die man ihm aufweist, nie leugnen, denn sie sind ja unbewußt und ihm daher natürlich überraschend; was ihm als völlig belanglos erscheint, spricht der Analytiker gewöhnlich gerade als das Entscheidende an; scheint er mit allen Fasern seines Lebens an einem Menschen zu hängen, so wird meistens diese Person als Deckfigur für eine ganz andere entlarvt, die im Mittelpunkt seines Interesses stehen soll, und begehrt er irgendetwas besonders lebhaft, so kann das eine Onjektverschiebung sein, die 'beweist, er verlange eigentlich etwas ganz anderes. Aus diesen Punkten sieht man schon, wieviel dem Analytiker und seiner Begabung anvertraut ist, und wie leicht Willkür und Phantasie hier zu Irrtümern und Gewaltsamkeiten in der Deutung führen können. Mancher Gedanke Maylans ist gar nicht zu Ende gedacht, so, wenn er in Freuds Auffassung der Religion eine Bestätigung für die Ergebnisse seiner tückischen Analysen sieht, denn diese Ableitung der Religion aus sozialen Notwendigkeiten und ihre Verwandlung und Auflösung in Illusionen, trifft doch die jüdische Religion genau so tief, wie die christliche. So erkennt der aufmerksame Leser, auch der, dem das Gebiet nicht völlig vertraut ist, was für ein willkürlich getrübtes, entstelltes Bild des Judentums hier entsteht, und er liest erstaunt am Schlüsse des ersten Kapitels folgenden Satz: „Daß diese Tatsachenlage jeden, der sie anrührt, für das oberflächliche Urteil in den Geruch des ausgesprochenen Antisemitismus bringen wird, ist eine mögliche Notwendigkeit, mit der ich mich hier nicht auseinanderzusetzen nötig habe." Nur für das oberflächliche Urteil? Je mehr man sich vertieft, desto klarer wird es, daß bei der Abfassung des Buches als starker Impuls der Antisemitismus mitgewirkt hat, selbstverständlich eine verfeinerte, vergeistigte Form des Antisemitismus, die sich mit der Art des Werkes, einer hochfliegenden, von Gedanken Nietzsches beeinflußten Geistigkeit verträgt, und die darum ganz besonders gefährlich und betrüblich ist. Was für beschämende Beiworte hat das Wort „jüdisch" in diesem Buch: lieblos, hart, ungenial, schachernd usw. Sollten diese Attribute das „Wesen" des Judentums verkörpern? Denn der Verfasser bedient sich neben der analytischen Methode noch der intuitiven, um das „Wesen" der Objekte ganz zu überschauen. Er betont, daß man mit der Analyse allein niemals den Kern treffen könne, nur die Intuition erfasse die gesamte geistige Realität. Dadurch ist der Willkür, die sich schon leicht in die psychoanalytische Methode einschleichen kann, erst recht der Weg geebnet, denn die Intuition ist in der Wissenschaft kein gesetzmäßiger Weg, sie spiegelt uns manches Phantasiebild, das einer strengen Kritik nicht standhält. Es führt auch zu großer Verwirrung, daß der Verfasser mit dieser Intuition, wie er sagt, nur das Symbolhafte in Freuds Werk treffen will, aber nicht die Wirklichkeit der Leistung, des Charakters und des Lebens, denn er fällt ja immerfort in die wirkliche Sphäre zurück, obgleich er oft genug versichert, nur die Symbolik der Affekte zu deuten; wenn Maylan z. B. Freud Unreinheit des Herzens und Unehrlichkeit vorwirft, so trifft das doch zweifellos seinen wirklichen Charakter in der moralischen Ebene, oder wenn er Freuds Arbeit gemüt- und geistabsagend nennt, so bezieht sich das doch natürlich auf sein wirkliches Werk; und ganz ebenso ist es ein hartes Urteil über Freuds wirkliches Leben, wenn er von der jüdisch lieblosen, moralistischen 211

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