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Der Morgen · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-04-01
Page
99 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen in die geistige Gestaltung der Schularbeit einbaut, ist für dies Tiefste kennzeichnend. Man soll das alles wirklich lesen, nicht nur wenn man Lehrer, sondern wenn man Vater und Mutter ist; dann wird man es leicht haben, die manchmal fast hymnisch klingenden Worte des Leiters Otto Driesen über die Erziehung zur Freude nicht als blasse Theorie, sondern als lebendiges Bekenntnis aufzunehmen. Erziehung: das ist Willensentfaltung am Wissensstoff, ist Entwicklung der Persönlichkeit zum wahrhaft Wählenden. In echter Unterredung, in Frage und Antwort treten die jungen Menschen in das wirkliche Leben der Gemeinsamkeit ein. Es ist schon so, daß der Lehrer von heute nicht mehr bloß „ein Pensum abfragt", denn solches Abfragen ist eine Entartung der echten Frage. Auf „Abfragen" sagt der Schüler „auf" — er antwortet nicht. In dieser unserer Schule aber herrscht lebendige Zwiesprache, die sich am dargebotenen Stoff entzündet, die dem Ziel des Menschen dient und nicht dem schematischen Ziel der Klasse. Einer „Stadt und Mutter in Israel" gehört das Philanthropin an; in ihr wirkt die Schule, jüdischem Leben und deutschem Geist vom Anbeginn bis heute getreu. Ihr, wie ihrer Heimatstadt, gelte das alte Segenswort unserer Väter: -Der Höchste gebe ihr festen Grund". Eduard Strauß. Eva Samuel: ,,H i 11 a h a b u t." Bilder aus dem relipiösenLeben der Juden. Preis der Mappe ß/ft. 20.—, Einzelblätter W 4.— . Zu beziehen durch Eva Samuel, Essen, Steelerstr. 29. Während christlich-religiöse Malerei seit Jahrhunderten schon besteht, beginnt eine jüdische Kunst eben erst aufzublühen. Neben anderen Ursachen ist auch dies ein Grund: im christlichen Kultus ist der hervorstechende Zug Ruhe und Bild, während der Charakter des jüdischen Kultus Bewegung und Musik, ist. Der jüdische Gottesdienst ist niemals eingestellt auf bildhafte Wirkung, sondern das Auge empfängt Rhythmus und Bewegung der Massen. Bewegung (der religiöse Tanz) spricht, ebenso wie Musik, das religiöse Empfinden am reinsten aus. Seele, Gefühl tritt hier in materielle Erscheinung. Die bildliche Darstellung dieses Elements stellt allerdings an die Malerei große Forderungen. Doch hat die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hier neue Möglichkeiten geschaffen. Die Malerei hat vom Expressionismus eine Gelöstheit zurückbehalten, die zum Rhythmus werden kann und die bisher ausgeschlossene Gebiete in das Bereich der Darstellung zieht. Vor mir liegt ein solches Werk, eine Mappe mit sechs Linoleumhanddrucken von Eva Samuel: „Hitlahabut", Bilder aus dem religiösen Leben der Juden. Die meisten dieser Bilder sind entstanden für die Marburger religionsgeschichtliche Sammlung, die von Professor Rudolf Otto und Professor Heinrich Frick zusammengestellt wurde. Diese Sammlung zeigt neben den Kultgegenständen in jeder Abteilung auch Bilder, die den Geist des Kultus vermittein, die hineinführen sollen in dies besondere Leben, das sich aus den toten Dingen nicht erkennen läßt. Die Darstellungen für die jüdische Abteilung wurden Eva Samuel übertragen. Die junge Künstlerin, als Tochter eines Rabbiners mit Synagoge und Kultus aufgewachsen, hat eine besondere Begabung für den Rhythmus der Massen, den Ausdruck der Bewegung. Nicht Ruhe, nicht Schönheit ist der Gegenstand dieser Bilder, sondern Bewegung, Ergreifung. Wie der Titel sagt: Inbrunst. Je mehr man sich in sie vertieft, desto stärker sprechen sie und reißen mit sich fort. Die Technik des Linoleumschnitts bedingt die einfache strenge Form, die dem verständnisvollen Beschauer dann überraschend viel Musik und Innerlichkeit vermittelt. Die Bilder erinnern an die talmudischen Legenden, in deren einfacher Form eine Welt liegt; sie haben Verwandtschaft mit der hebräischen Sprache, die so herb und unbiegsam erscheint und Unendliches zu sagen vermag. Die beiden Blätter „Thoravorlesung" und „Aufhebung der Thorarolle" zeigen den tätigen Anteil der Gemeinde am Mittelpunkt des Gottesdienstes. Die beiden Bilder von Simchas Thora sprechen die Gefühle für die Thora aus: Freude und Liebe. Der „Umzug" ist voll Musik. Hier sprechen die Körper: die Gesichter schweigen. Stark ausschreitend schwingt die Reihe der Männer daher, zur Seite stehn die fahnentragenden Kinder. Das andere Bild „Ausheben" ist auf den stilleren Ton der Liebe und Inbrunst gestimmt. Die ausge- 99 7*

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