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Der Morgen · 1930-04-01 · Heft 1 (April 1930) · p. 97

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 1 (April 1930)
Article
Der Weg nach Ilok [Rezension]
Date
1930-04-01
Page
97 (sequence 4)
Language
German
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Der Weg nach Ilok Bächen verrieselte, ihr Wehgeschrei, das an taube Ohren schlug bei dem Rächer. Er schrie ihnen wieder und wieder die Untat ins Antlitz, die sie an Gott, an dem milden liebevollen Gott getan, sich selbst zum Verderben." — Die Wächter der gefangenen und gefolterten Juden schlagen bei Scholz das gleiche Thema an. Der ältere der beiden diensttuenden Waffenknechte, vor der Folterkammer mit den jämmerlich brüllenden Juden, stößt den Jüngeren, den das Entsetzen packt, die Schulter: „Was jammert's Dich, Christoph, da es doch Juden sind? Mußt denken, ein paar Kerle wie Du und ich, täppische ehrliche Burschen, standen auf der da drinnen Geheiß zur Wache am Kreuz, konnten nicht wissen, daß es der Heiland und Gott war, der da hing, mußten wachen, wie die Juden ihnen befohlen, und brachten sich vielleicht damit schuldlos um ihrer Seelen Seligkeit. Nun? Jetzt stehen wir hier, und drinnen hängen heute die anderen am Marter holz, nicht so still wie der Herr, der unschuldig war, was wohl zu begreifen. Denn sie sind schuldig! Nicht bloß daran, das glaub mir, an mehrerem noch!" Merkwürdig unbeseelt, absichtlich unausgemalt, der „blinden Synagoge" an den mittelalterlichen Domen ähnlich, die Juden des Romans! Diese Leidensgestalten schnüren auch einem unbeteiligten Zuschauer die Kehle zu, wie nur irgendeine gotische Märtyrerfigur. Dem Juden schneiden sie vollends ins Herz. Nur opferfreudige, leidensbereite, im Scheiterhaufen verklärte Schatten! Mehr Symbole, bewegungs- und faltenreiche Figuren, an denen sich die fanatische Glut des großartigen Gegenspielers und Büßers, Capistrano, entzündet! Keine Modelle für Psychologen und Analytiker! — Noch ein Wort zur sprachlichen Form des Buches: Bilder und Satzform gehen der Leichtigkeit der gut geschriebenen Tagesschriftstellerei im großen Bogen aus dem Weg. Scholz erreicht damit, daß er wieder aus der Sprache alles herausholt, was darin ausdrückbar ist, und daß der Leser sich bald entschließen muß, das Bach wegzulegen oder sich wirklich, durcb Zweimal-, Dreimallesen, damit zu beschäftigen, daß also der Inhalt nach dem Lesen haften bleibt und nicht wie bei den „gut und flüssig" geschriebenen Büchern wegfliegt, nicht mehr da ist. wenn man zu neuem bedruckten Papier greift. Capistrano, der Held des Romans, spricht lateinisch. Sein ihm ganz ergebener Dolmetsch, der gelehrte deutsche Bruder Friedrich, übersetzt dem Volk die Predigt. Bei diesem Anlaß erklärt Scholz sein eignes Sprachgefühl. „Wie beseligt ihn (den deutschen Mönch) jedes Wort dieses Lateins! Wie sog er — der Deutsche mit der bergwaldwilden und sonnigheiteren, der rauschenden, brausenden und lieblich singenden, der werktäglich bastelnden, schnitzenden, meißelnden, von Atemzug und Herzschlag durchpulsten, wie das Leben selbst unergründlichen, die fromme Seele mit Sturm ängstigenden und doch so gassenwinklig eng vertrauten deutschen Sprache — den vokalreichen strengen Wohllaut, den klaren Gedankenklang dieser lateinischen Sätze, die nicht umstimmbare Härte dieser Willensendungen ein!" So schreibt Wilhelm von Scholz, ganz abseits von gefälliger, flüssiger Tagesliteratur. 7 97

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