Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Der Weg nach Ilok [Rezension]
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 95 (sequence 2)
- Language
- German
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Ludwig Feuchtwanger: Der Weg nach Ilok nach diesem Rezept geschrieben. Sie machen nicht die geringste Konzession an die literarischen und unliterarischen, kritischen und naiven Tagesbedürfnisse, an das, was uns angeblich „angeht". Sie sind weder interessant noch flüssig geschrieben, sondern große Dichtungen. „Der Weg nach Ilok" ist der neueste Roman von Scholz. In die Stille des Klosters von Ilok an der Donau flüchtet der Mönch Johann von Capistrano, ein zweiter Savanarola, der, zur Ehre Gottes, vom Glauben durchglüht, Ketzer verbrannt, die Breslauer Judenstadt zerstört hat und sehen muß, daß Unschuldige die Opfer waren. Den Rohstoff liefert ihm die Geschichte der Juden in Schlesien im ausgehenden Mittelalter. Die Judenverbrennung zu Breslau vom 4- Juli i453 nach dem Urteil des Inquisitionsgerichts ist der Höhepunkt der äußeren Handlung. Am £. Juli i453 wurden in Breslau einundvierzig Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem sich der Rabbiner schon am Vorabend im Gefängnis erhängt hatte. Die am Leben gebliebenen jüdischen Gefangenen aus der Breslauer Judenstadt, dreihundertachtzehn an der Zahl, wurden für immer aus der Stadt vertrieben, wobei ihnen alle Kinder unter sieben Jahren weggenommen und gewaltsam getauft wurden. Das ist der historische Kern der aus den zeitgenössischen Chroniken und Urkunden zu schälen ist. Die modernen jüdischen Geschichtsschreiber, Graetz (Bd. VIII3, S. 196 ff.) u.Dubnow (Bd. V, S.326f.), besonders Brann (in seiner Geschichte der Juden in Schlesien) haben Hergang und Zusammenhang mit den dazu gehörigen gelehrten Quellennachweisen klargelegt. So grell, ja brutal die bloßen Fakta der äußeren Ereignisse sind, so gedämpft und zart ist das Ewige, von der Zeit ganz und gar Unabhängige in den Gesichten des Dichters. Moderne Psychologie und Tiefenschau wird hier nicht getrieben. Die bunten Gestalten sind als eigenwillige Persönlichkeiten, also psychologisch, nicht gegeneinander abgetönt. Jud und Christ sind nur nach ihrem Schicksal, nicht nach ihren besonderen seelischen Fähigkeiten, nicht nach einer angeblichen Eigenart, voneinander unterschieden. Aber was um die Menschen herum an Unsagbarem, an Geheimnisvollem webt, im Knarren einer Türe, im Anschlagen eines Hundes, in wechselnden Vorgängen, die mit der belebten und unbelebten Natur zusammenhängen — unabhängig von jedem menschlichen Willen —, das ist das Einmalige und Wesentliche dieser großen Erzählerkunst. Das Aufwühlende bei Scholz ist die Wechselbeziehung der historischen Situation mit dem unveränderlichen, ewig gleichen Auf und Ab der menschlichen Gier, der menschlichen Resignation, des menschlichen Erleidens und An-sich-Geschehen-Lassens, der Wechsel von unbändiger Gottesfurcht und gedanken- und gefühlloser Abgefundenheit. Die Juden heben sich in diesem Roman nur im Erleiden von den Christen ab. Ephraim, der, als die Mutter in Gefahr ist, sich dem Blutgericht stellt, der von der Folter gebrochen ist, dann unschuldig befunden und freigelassen wird und schließlich am Gerichtstag freiwillig in die glühende Lohe zu seinen verurteilten Volksgenossen tritt, ist wie sein Gegenspieler Capistrano, der päpstliche Legat und Inquisitor aus den Abruzzen, nur, aber auch nur gequälte und gesegnete Kreatur in Einem. 95