Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Was ist heute Philosophie?
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 89 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Herrigel: Was ist heute Philosophie? tigkeit gegenwärtiger Zeit an der tiefsten Wurzel packen, wenn man dieses Problem — den Widerstreit letzter philosophischer Grundstellungen — zur Behandlung stellt". Das kluge und energische Buch macht sich seine Aufgabe nicht zu leicht. In den vorbereitenden Erörterungen heißt es: „Nur, wenn es sich zeigt, daß es für kein System möglich ist, sich als selbstgenugsam zu konstituieren, und daß andererseits Philosophie überhaupt gar nicht relativiert werden kann, nur dann gibt es ein Problem der Anarchie der Systeme im eminenten Sinne, nur dann besteht für die Systematologie die Aufgabe, diese Vielheit der Philosophien irgendwie zu erklären. — Unser Kampf wird also nach zwei Fronten geführt werden, es wird ein Weg gefunden werden müssen, zwischen der Charybdis des Absolutismus des Einen Systems und der Scylla des Nihilismus, der die philosophischen Systeme nur mehr als Material für Kulturgeschichte und Psychologie gelten läßt, hindurchzukommen.'' Das Hauptstück des Buches gilt dem Nachweis, daß es kein absolutes, definitives, selbstgenugsames, allein auf sich gestelltes, also „einziges" System geben könne, sondern daß sachliche Gründe, nicht bloß die des historischen Relativismus, dafür vorhanden sein müssen, „daß jedes System im Laufe der historischen Entwicklung transzendiert worden ist, obwohl die bedeutendsten Denker ihre Systeme für nichttranszendierbar, für definitiv ausgegeben haben". Dem Gang dieser Untersuchung können wir hier im Einzelnen nicht folgen. Kröner bezeichnet sie als Systematologie, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß es sich hier um eine lediglich formale Untersuchung über den Aufbau der Systeme handelt, die die Systeme nur als solche in Betracht zieht, ohne auf ihren bestimmten Inhalt einzugehen, die also selber keinen Standpunkt einnimmt, sondern „Standpunkt] enseitig" bleibt. „Die Untersuchungen, welche die Systematologie vornimmt, sind Strukturuntersuchungen, Untersuchungen über Systemform, Systemaufbau, Svstembegründung und Systemkonstituierung, bei denen jene historisch vorliegenden Philosophien nicht als solche in die Resultate eingehen, sondern nur paradigmatisch verwendet werden." Das Ergebnis dieser Untersuchung ist, daß es ein geschlossenes, kompaktes System nicht gibt und nicht geben kann, daß also auch das Phänomen der Anarchie der Systeme selber nur ein Scheinproblem ist und als ein oberflächlich und einseitig aufgefaßtes schlechthin verschwindet. Das Problem der Anarchie wird also nicht „gelöst", denn Lösimg würde bedeuten, daß die Vielheit der Systeme in einem letzten, abschließenden System aufgelöst würde. Gerade dieser Weg durfte nicht beschritten werden, denn er ist es, der zur Anarchie führt. Damit würde nur den sich als absolut und abgeschlossen behauptenden Systemen ein neues mit demselben Anspruch gegenübergestellt, wie es von jeher gewesen ist. „Wäre das System geschlossen, kompakt, hätte es alle seine Probleme endgültig gelöst, so könnte es neben und nach ihm keine anderen Anschauungen, die noch einen Rechtstitel für sich beizubringen vermöchten, geben." Die Geschichte lehrt aber, daß jedes System immer wieder von einem andern abgelöst worden ist, und die Systema- 89