Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Parapsychologische Hypothesen
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Driesch es sich um einen konventional festgelegten Kodex von Zeichen, welcher eine symbolische Bedeutung hat Das sind die Buchstaben und ihre Kombinationen, beziehungsweise ihr telegraphischer Ersatz, bei der Schrift, es sind die tönenden Worte bei der gesprochenen Rede. Dieser verabredete Kodex fehlt ja bei parapsychischen Übertragungen; und es fehlt auch beim Perzipienten das spezifisch gebaute aufnehmende Organ, also etwas, das im Normalen dem Auge oder dem Ohr entsprechen würde. Ich halte Tischners Erwägungen für richtig,. Mein eigner Gedankengang bezieht sich ausschließlich auf die spontane Telepathie: Da ist einer irgendwo in Todesnot und denkt an seine weit entfernte Gattin; diese sieht ihn in dem gleichen Augenblick als Traumbild, wohl gar mit einer Wunde an einer Körperstelle, wo realiter eine Wunde ist Wie soll das nach dem Stimmgabelprinzip auf der Basis des Parallelismus erklärbar sein? Diese parallelistische Radiolehre setzt ja doch voraus, daß ein bestimmter Hirnzustand mit „parallel" zu ihm gehörigen Erlebnis übertragen werde. Wäre das so. so müßte nun offenbar, da Agent und Perzipient der Voraussetzung nach jetzt gleiche Hirnzustände haben, auch das von ihnen Erlebte gleich sein. Es ist aber verschieden! Denn die telepathisch beeinflußte Gattin „denkt" doch nicht an „sich", sondern sieht „ihn", den Gatten, während der sterbende Gatte an „sie", die Gattin „dachte". Die Erlebnisse sind also ganz und gar nicht identisch, wie es nach der Theorie notwendig wäre, sondern verhalten sich, analogienhaft gesprochen, wie Frage und Antwort Diese Erwägung stürzt die Radiotheorie endgültig. Sie stürzt sie selbst dann, wenn man Cazzamallis umstrittene Hirnstrahlen, über die mir ein sachkundiges Urteil nicht zusteht, annimmt; wobei bemerkt sei, daß Cazzamalli selbst nicht behauptet hat, mit seiner Entdeckung die in Rede stehenden Paraphänomene zu erklären. — Echtes räumliches Hellsehen möchte auf den ersten Blick vielleicht durch unbekannte Strahlungen, verbunden mit einer Überempfindlichkeit des Perzipienten, erklärbar sein. Einigermaßen wahrscheinlich freilich ist wohl auch das nicht; der Leser möge in dieser Frage Näheres in der oben genannten Arbeit Tischners nachlesen, und ich will selbst nur sagen, daß das hellseherische Wissen um den Inhalt zusammengefalteter Briefe jedenfalls der Strahlentheorie des Hellsehens größte Schwierigkeiten bereiten muß: nicht das verworrene Bild der sich überschneidenden Schriftzüge, sondern ihr „Sinn" wird ja doch erfaßt 24