Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Literarische Hinweise
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 639 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Hinweise Noch ein Wort über das Verhältnis der „Hinweise" zu den „Anzeigen". Die ersteren sollen in keiner Weise die letzteren entwerten oder ersetzen. Die „Anzeigen" sollen auch weiterhin die Leser des „Morgen" mit Neuerscheinungen bekannt maohen, die irgendwie mit den besonderen Zielen und Aufgaben des „Morgen" zusammenhängen. Die Kritik hat hier vor allem zu sprechen. Die „Anzeigen"-Bücher sind für die verschiedensten Fachinteressen der Morgenleser. Eine scharfe Scheidung zwischen den Büchern der „Hinweise" und denen der „Anzeigen" läßt sich nicht immer ziehen. Ich hoffe im Lauf der Zeit auch noch andere Schriftsteller für die „Hinweise" zu gewinnen. Julius Goldstein. Queen Victoria vonLyttonStrachey (Deutsch von Hans Reisiger, S. Fischer-Verlag, Berlin 1925). Eine der fesselndsten Biographien, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, behandelt die „Queen Victoria". Ein Roman kann nicht spannender sein — man vergißt manchmal, daß man es mit einem wertvollen und wichtigen Stück englischer und europäischer Geschichte zu tun hat. Um die Gestalt der Königin, nach der die Engländer das ganze Zeitalter als „Victorian Age" bezeichnen, gruppieren sich alle Ereignisse, alle Staatsmänner und in gewissem Sinn das Schicksal Europas. Diese perspektivische Verteilung des Stoffes hat einen besonderen Reiz. Wie sich das Menschlich-Persönliche in allem sachlichen Geschehen auswirkt, wie eine konstitutionell gebundene Herrscherin, ausgestattet mit den Kräften eines klaren Geistes, eines energischen Willens, sich in den großen Entscheidungen Englands durchsetzen kann — das ist selten mit so großer Kunst und so eindringlicher Einfachheit geschildert worden. Der Verfasser besitzt die künstlerische Fähigkeit, seine Gestalten — und welche Fülle von Politikern, führenden Staatsmännern, entarteten Fürsten und Ratgebern werden vorgeführt — von innen her zu erfassen und mit ein paar glücklichen charakteristischen Strichen zu zeichnen. Besonders kommt das zum Ausdruck in der Schilderung des Königs, ibres Gemahls, des Prinzen Albert. Bis in die kleinen Ereignisse des Alltagslebens wird die königliche Familie vorgeführt, ohne daß jemals der Zusammenhang mit den großen Ereignissen der Politik gelockert erscheint. Ein Hauch leichter unaufdringlicher Ironie liegt manchmal über der Erzählung, aber immer so diskret, so gezügelt, daß die Darstellung niemals unter das Niveau ihres Gegenstandes sinkt. Eine glückliche Ergänzung zu dem Buche von Maurois „D'Israeli" bildet das Kapitel über Victoria und D'Israeli. Bemerkenswert ist der Aufstieg der Coburger im neunzehnten Jahrhundert. Napoleon hat sie vertrieben und erniedrigt. Am Ende des Jahrhunderts sitzen sie auf den Thronen der Staaten, verwandt und verschwägert allen Fürsten Europas. Die Übersetzung ist vortrefflich. Druck, Ausstattung und Bildbeilagen lassen nichts zu wünschen übrig. J. G. 639