Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Proletarische Religiosität
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 448 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Heinz Kappes: Proletarische Religiosität schiedenen Kirchen) der große Kreis der „religiösen Sozialisten" gelagert ist, daß so eine ständige polare Spannung zwischen Gott und Welt, Glaube und Wirklichkeit, positiver Religion und Sozialismus lebendig erhalten wird. Die Kirchen tun aber leider sehr viel, um durch Zurückstoßen der „christlichen" Sozialisten sich die letzte Brücke zum Proletariat abzubrechen. Und die Zukunft? Es scheint ein Gesetz in der Geschichte zu sein, daß immer in die Zeiten der Weltkrisen ein Proletariat hineinwächst, das wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch religiös aus der Gemeinschaft ausgestoßen ist In seiner Abkehr von den Staats- und Machtkirchen, einer Abkehr aus enttäuschter Liebe, verfällt es dem Vorwurf, „religionslos" zu sein und nennt sich wohl selbst atheistisch. Es haßt den Gott der Kirchen, in dessen Namen ihm von der Gesellschaft Unrecht getan wird. „Selbst mit Gott haben sie uns betrogen!", so flucht in Maxim Gorkis „Mutter" ein proletarischer Bauer der „christlichen Gesellschaft". Aber in diesem jeweiligen Proletariat lebt echte Eschatologie, leidenschaftliche Sehnsucht, lebendiger Glaube, menschliche Brüderlichkeit, Opferbereitschaft für eine große Sache. Und die großen Propheten, die sich nicht kümmern um Schriftgelehrsamkeit, Gesetz und Kultus, sondern die aus der Vollmacht Gottes das lebendige Wort in neuer Wirklichkeitssprache reden, die Propheten, die immer kommen, wenn „eine Zeit erfüllt ist", — sie finden in dem Maß Glauben bei der Masse, wie sie verfolgt werden von den Herrschenden, ihre Offenbarung erhebt die proletarische Religiosität, den dumpfen Lebensdrang, die chaotische Sehnsucht zur neuen Religion, die in Wirklichkeit die alte, ewige, nunmehr wieder neu erfüllte ist So kann auch aus der Gegenwart in die Zukunft durch die proletarisch-sozialistische Religiosität hindurch die Kontinuität der jüdisch-christlichen Religion, wenn auch in neuer Gestaltungsform, geschaffen werden. Wer kann da etwas voraussagen? — Wer die gegenwärtige Situation realistisch und gläubig zu verstehen sucht und das Gewissensnotwendige als Mensch guten Willens tut, der arbeitet in prophetischem Sinn, auch wenn er nicht prophezeit Jedenfalls wird auch für die zukünftige kirchliche und religiöse Entwicklung Lassalles Wort Geltung haben, daß „das Proletariat der Fels ist, auf welchem die Kirche der Zukunft gebaut sein wird". 448