Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Vorspruch zu einer Mendelssohnfeier
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 374 (sequence 1)
- Language
- German
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Vorsprudi zu einer Mendelssohnfeier Von Franz Rosenzweig Es entspräche nicht dem blutigen Emst dieser Zeit und nicht der Bescheidenheit des Großen, den wir feiern, wenn wir uns von imbesinnlicher Festlust gefangennehmen ließen. Zur Einkehr fordert schon der Monat des jüdischen Jahrs, fordert das Ereignis der jüdischen Gegenwart — wir hoffen: nicht der jüdischen Geschichte —, zur Einkehr fordre auch dieser Tag! Mendelssohn, der erste deutsche Jude in dem schweren, beide Worte verantwortenden Sinn, in dem wir Deutschjuden unser Deutschjudentum nehmen* hat uns nicht den Schutz vererben können, unter dem er selbst die neue Bindung vollzog. Was ihm selber posthum an den Erben seines Bluts und seines, Namens geschehen ist, aus deren glänzender und noch heut in stolzen Namen blühender Reihe kein einziger unsrer Gemeinschaft angehört, das ist Symbol der Gefährdung, in die er unser, seiner geistigen Nachfahren, Dasein geführt, hat. Einer geliebten Gefährdung, einer, die wir nicht missen möchten, — nicht bloß um der geliebten beiden Verbundenen, des Judentums und des Deutschtums, selber willen, sondern auch aus Liebe eben zur Gefahr, und in dem Glauben, daß das Durchkämpfen und das Durchleben dieser Gefahr uns. als Aufgabe gegeben ist. Aber Mendelssohn hat uns als Wehrlose in diese Gefahr hineingeführt, denn sein eigener Schutz war die Weltanschauung seines Jahrhunderts, an deren ersten Erkrankungskeimen er — ein großartiges Zeichen für die Lebensechtheit seines Philosophierens — gestorben ist. So mußte schon das neunzehnte Jahrhundert sich auf eigene, also auf unmendelssohnsche, Weise, weiterhelfen und müssen wir, Kinder einer wieder veränderten Zeit, uns wieder auf neue Wege wagen. Hören Sie darum als Aufklang unsrer Feier in solchem Ernst und solcher — der mendelssohnschen! — Gesinnung die erschütternden Worte aus seinem persönlichsten Werk, der Psalmenübersetzung, die Ihnen jetzt in einer zeitgenössischen Vertonung zu Gehör gebracht werden. Dann begann die Feier mit einer Komposition des Mendelssohnschen 51. Psalms von. Abt Vogler. 374