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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 329

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Gedächtnisworte für Julius Goldstein
Date
1929-10-01
Page
329 (sequence 6)
Language
German
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Gedächtnisworte für Julius Goldstern wenn dieser Mann ein solches Bekenntnis von sich! aussprach, und ich verstehe eigentlich erst jetzt, was er gemeint hat. Natürlich war es nicht ein Ausdruck von Müdigkeit — so sehr auch dieses Gefühl, besonders in den letzten Jahren, begreiflich gewesen wäre —, es war etwas anderes: ihm rückte das Uhlandsche Gedicht nahe heran an diejenige Welt, aus der er recht eigentlich seine geistige Nahrung holte, an die Bibel. Die Worte des deutschen Dichters klangen ihm in eins mit den Lieblingsworten aus dem Psalter: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen Und kommen mit Freuden und bringen ihre Gaben." Hier verschmelzen sich aufs innigste deutscher Idealismus und bmlische Gedankenwelt. Beide schwingen hinaus über das Gegenwärtige und trachten nach Ewigkeit. Aber erst das Psalmworl gibt dem Ruf der Sehnsucht eine Wendung, die ihn in Zusammenhang mit den Propheten des Alten Bundes bringt. Es ist die Wendung zur Hoffnung: der Glaube daran, daß trotz allem zuletzt doch die Rätsel und Mühen, das Leid und die Dunkelheit dieser Erde sich lohnen, weil ihr Ausgangsinnvoll ist; folglich eine Lebenshaltung, die trotz allem und dennoch ihren Weg weitergeht. Nicht darum handelt es sich, die Wirklichkeit in illusionärem Hochflug hinter sich zu lassen, so zu tun, als ob wir Menschen irgendwie der Sinnlosigkeit und Brutalität des wirklichen Lebens entgehen könnten, — nein, das ist alles da und wird nicht durch Künstelei verschleiert. Aber da ist auch noch ein anderes: der Schwung, der uns durch' dieses Leben hindurch hinüberreißt zu den Zielen Gottes. Darum kann in dieser Stunde nicht Wehklage oder der Klageruf der Sehnsucht das letzte Wort behalten. Wir würden damit nicht im Sinne des Verstorbenen handeln. Vielmehr wollen wir in seinem Geiste die Impulse weitertragen, die von ihm ausgegangen sind. Wir begreifen ja jetzt, daß alles, was an ihm in Erscheinung trat, Ausdruck war jenes letzten und innerlichsten Glaubens, der ihm aus der Heiligen Schrift zufloß. . Dieser Glaube hat in dem Leben des Mannes, von dem wir jetzt Abschied nehmen, als unversiegbare Quelle Begeisterung, wie Empörung und jede andere Form starker Lebensäußerung gespeist. Dieser Glaube reißt auch uns los vom bloßen Anblick des Grabes und beschwingt uns so, daß wir in die Zukunft 329

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