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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 307

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
[Rezension] / Jacob, Ernst
Date
1929-08-01
Page
307 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Anzeigen Ludwig Holländer, Deutsch-jüdische Probleme der Gegenwart. Berlin, Philo-Verlag 1929. Diese Auseinandersetzung über die Grundfragen des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist eine Wiedergabe des Referats, das der Verfasser auf der Hauptversammlung des Vereins im Februar ig2 8 unter dem Titel „Abwehrverein oder Gesinnungsverein'?" gehalten hat. Mit Rücksicht ' auf Vorgänge und Erörterungen im letzten Jahre, ist der Vortrag in einigen Punkten ergänzt worden. Es handelt sich um eine Klärung der immer wieder aufgeworfenen Frage: Muß der C.V. seinen Abwehrkampf auf weltanschaulicher Grundlage führen oder kann er sich damit begnügen, ein Zweckverband zur Verteidigung gegen Angriffe zu sein? Eine Abwehr kann nur stattfinden, wo ein Angriff erfolgt. Wir haben es aber nicht nur mit dem Antisemitismus zu tun, sondern auch mit einem „Asernitismus", der die Juden wie Luft behandelt und ihr sittliches, politisches und wirtschaftliches Streben verneint. Wir müssen uns deshalb nicht nur verteidigen, sondern auch eine verantwortungsbewußte, sittliche Propaganda treiben. Das können wir nur aus einer bestimmten Gesinnung heraus. Das deutsche Judentum ist seit den 90er Jahren in zwei Richtungen gespalten: C.V. und Zionismus. Beide gingen von der Erkenntnis aus, daß die Emanzipation allein keine Lösung der Judenfrage gebracht hatte, und beide wollten das Judentum vor dem Untergang durch eine hemmungslose Assimilation bewahren und sein Selbstbewußtsein erneuern. Beide Richtungen haben seitdem infolge der veränderten Weltlage und der Ergebnisse der Soziologie und der Wirtschaftslehre Wandlungen durchgemacht. Im Zionismus ist der Begriff eines „jüdischen Volkes", wenigstens in den westlichen Ländern, wesentlich gemildert worden. Bei der Darstellung dieser Entwicklung hätte der Verfasser vielleicht etwas ausführlicher sein können. Es wäre sehr lohnend einmal zu zeigen, wie der Zionismus von Herzl bis heute seinen Gegnern ein Zugeständnis nach dem andern gemacht hat. Vom „Judenstaat" ist längst nicht mehr die Rede. Unsere Stellung als Staatsbürger in Deutschland wird heute auch von dieser Seite anerkannt, und ab und zu hören wir schon von Zionisten Bekenntnisse der Verbundenheit mit deutscher Kultur, Sprache und Landschaft. Im C.V. wird heute anerkannt, daß es nicht nur die Religion ist, welche uns von den anderen Bürgern unseres Vaterlandes unterscheidet. Wir sind eine durch gemeinsame Abstammung und gemeinsame Geschichte verbundene Menschengruppe, in der religiöse und sittliche Anschauungen dem überwiegenden Teil ihrer Mitglieder gemeinsam sind. Wir wollen diese Gruppe erhalten, aber zum Unterschied von den Zionisten wollen wir sie gleichzeitig untrennbar in das Leben des deutschen Volkes einbetten. Wir sind überzeugt, daß das deutsche Judentum auf Gedeih und Verderb mit der Zukunft des deutschen Volkes verbunden ist. Deshalb müssen wir ein Gesinnungsverein sein, denn nur als solcher kann uns die Verbindung von Deutschtum und Judentum gelingen. Unsere Aufgabe ist viel schwieriger als die des Nationaljudentums, denn es handelt sich bei uns nicht um eine einmalige Entscheidung, sondern um einen immer erneuten Versuch des Ausgleichs zwischen den beiden in lebendiger Entwicklung begriffenen Elementen unseres Wesens: Deutschtum und Judentum. Wenn wir unser Judentum bejahen, so lehnen wir doch einen absoluten jüdischen Einheilsgedanken ab. Wir erkennen nur eine jüdische Einheit im Geistigen an, im Religiösen und Sittlichen. Der Verfasser vertritt in der Frage der Teilnahme an dem Palästinaaufbau die Meinung der Minderheit im C.V., die glaubt, daß das deutsche Judentum sich daran beteiligen könne, ohne in den Zionismus hinüberzugleiten und ohne unsere deutschen Interessen zu schädigen. Er warnt vor Überschätzung innerjüdischer Fragen; für den C.V. seien Probleme, wie die unserer Stellung zu unserer Umwelt, wichtiger. Die besonnene, leidenschaftslose Darstellung wird auch dem Gegner gerecht. Sie ist ein bedeutender Beitrag zur - Vertiefung der Diskussion über die Lebensfragen der deutschen Judenheit und gibt ihr in guten Formulierungen neue Waffen für ihren Daseinskampf. Ernst Jacob. 307

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