Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 222 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899879--03646-2899921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ludwig GoldsJein Lavater fand die sokratische Seele auch in Mendelssohns Auge, Herder sah in ihm eine Art von Vollender des antiken Philosophen, und der schon einmal genannte General von Schölten stellt gar die Frage: War Sokrates denn mehr als Mendelssohn? Literarisch lebt Sokrates durch Plato fort, und darum nimmt Mendelssohn in der Sprache seiner Verehrer öfters auch dessen „Nam' und Art" an. Die Deutschen, sagt Graf Mirabeau, haben ihm den Titel des neueren Plato zuerkannt, und der spitzige Kästner, der gelegentlich Mosen auch einen Nadelstich versetzen konnte, schrieb das hübsche Epigramm gegen Friedrich IL: Ein neuer Dionys rief von der Seine Strande Sophistenschwärme her für seinen Unterricht; Ein Plato lebt' in seinem Lande, Und diesen kannt' er nicht. Bald nach der ersten Bekanntschaft vermutet Lessing in Mendelssohn einen zweiteu Spi noza, „dem zur völligen Gleichheit mit dem ersten nichts als seine Irrtümer fehlen werden". Schon 1755 kennzeichnet ihn Sulzer als einen starkdenkenden Kopf und einige Jahre später gar als ein seltenes Genie, wobei freilich zu bemerken ist, daß „Genie" noch nicht die Vollbedeutung von heute hatte. Während ihn Reimarus als eine vortreffliche Stütze der Wahrheitsforschung ansieht, nennt ihn Salomon Maimon einen großen Philosophen, Christian Gottfried Schütz gar „den Philosophen von Deutschland" und Johann Georg Zimmermann „le plus grand philosophe de FAllemagne". Und selbst derjenige, der diesen Ehrentitel wirklich verdiente, Immanuel Kant, neigte zur Ueberschätzung Mendelssohns; jedenfalls sah er sich darin gründlich getauscht, gerade an ihm einen verständnisvollen Förderer seiner Lehre zu gewinnen. Da hatte Mendelssohns hartnäckiger Widersacher Fr. H. Jacobi wohl den schärferen Blick, wenn er meinte, daß jener sich allein in die Leibniz- Wolfische Schulphilosophie hineingedacht hatte und nun darin „steif" geworden war. Mochte Maimon auch darin wieder Recht haben, daß Mendelssohn beim Disputieren steif nur mit einem steifen Denker, biegsam aber mit einem biegsamen war, und daß er das Leibniz-Wolfische System nicht einfach übernommen, sondern verdeutlicht, erweitert und verbessert hatte, so war Jacobis Behauptung doch nicht unbegründet, daß Mendelssohn seinen Gebrauch an Philosophie aus der herrschenden Lehre der Zeit deckte und weder Beruf noch Lust hatte, anderen Systemen nachzuforschen, sie einzusaugen und in Saft und Blut zu verwandeln. 222