Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen Guttmanns Arbeit, wie überhaupt die Untersuchung des Verhältnisses zwischen M. und T., kann jedem, der das noch nicht weiß, auch für die Untersuchung der Evangelien die Augen dafür öffnen,, was für Probleme eine Traditionsliteratur der Forschung stellt, dh. Literatur, die nicht durch die Arbeit eines Einzelnen entstanden, sondern zunächst mündlich aufbewahrt worden ist, dann eine Geschichte durchgemacht hat und schriftlich fixiert worden ist. Der Mosaikcharakter einer solchen Literatur und die mannigfachen Formungsgesetze, unter denen sie steht, ergeben eine Fülle von Möglichkeiten zu ihrer Beurteilung und ihrem Verständnis., so daß hier das Älteste nicht schon damit herausgestellt werden kann, daß man z. B. Varianten des Wortlautes als einen Beweis für eine Unsicherheit der Oberlieferung ansieht. Für die Kritik der Evangelien ergeben sich hier sehr wichtige Grundsätze, wie ich das z. B. in meinem Buche über „Das Vaterunser" (Gütersloh, Bertelsmann) dargelegt habe. Es wäre wünschenswert, wenn Guttmann nun den „inneren Bau" der M. und T. behandeln würde, auch wenn überhaupt ein Werk entstünde, das in deutscher Sprache einmal alle diejenigen wichtigen Probleme zusammenfassend untersuchte, die M. und T., jede für sich und jede im Verhältnis zur anderen, der Forschung stellen. Die neutestamentliche Wissenschaft würde an einem solchen Werk ein lebhaftes Interesse haben. Paul Fiebig. Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Band VI (Bechterew Forel, Gluck, Hauser, v. Liebermann), herausgegeben von L. R. Grote, Verlag von F. Meiner, Leipzig 1927. Dieser Band ist ausgezeichnet durch die Beiträge zweier überragender Forscher, die dem Buch einen noch größeren Reiz verleihen als dem nachstehend angezeigten philosophischen Parallelband: Bechterew und Forel. Beide stark produktive Naturen, beide der Psychiatrie angehörig, beide wohl als objektive Psychologen zu charakterisierende Forscher mit übergreifenden Interessen. Ihre Leistungen in der Anatomie und Pathologie des Zentralnervensystems, in der psychologischen Forschung (Reflexologie etc.) heben sie weit über den Durchschnitt hinaus. Forel ist dazu noch als Ameisenforscher Autorität, als praktischer Ethiker (Antialkoholbewegung, sexuelle Frage etc.) von internationalem Einfluß; auch seine politische Tätigkeit ist deutlich erkennbar. Die ungewöhnliche Aktivität beider als Organisatoren in Wissenschaft, Unterricht und sozialethischer Arbeit führt zu universalem Schaffen. Vielleicht ist allerdings ihr Tätigkeitsdrang der Vertiefung und Verinnerlichung etwas abträglich geworden. Aber alles in allem: zwei imposante Gestalten. Oskar Wolfsberg. Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Bd.VI (Kühnemann, Liljeqvist, Reinke, Rensi, Stern, Varisco), herausgegeben von R. Schmidt, Verlag F. Meiner, Leipzig 1927. Die rühmlichst bekannte Sammlung gibt fortschreitend immer umfassendere Bilder der modernen Philosophie. Richtungen, die selbst manchem Gebildeten fremd sind, werden durch hervorragende Vertreter dargestellt. Wiederum lernen wir markante Italiener kennen, die fast Antipoden sind: Varisco, ein Repräsentant des Spiritualismus, Rensi, der für den Skeptizismus eintritt; beide grundverschieden in ihrer Beurteilung der führenden italienischen Denker C r o c e und G e n t i 1 e. Rensi ist ein interessantes Beispiel für die sozialen und politischen Wandlungen der letzten Jahrzehnte Italiens; die Verhältnisse des Parteiwesens spielen dabei entscheidend mit.— Kühnemann ist bekannt genug: stilistisch meisterhaft wie immer, geht auch aus seiner Autobiographie wiederum hervor, daß seine Leistung mehr in die Literatur- und Geisteswissenschaft gehört. Auch Reinke ist wohl mehr theoretischer Biologe mit stark weltanschaulichen Interessen, denn Philosoph. Demgegenüber sind die Beiträge des Schweden Liljeqvist, der den Persönlichkeitsidealismus fortführt, und W. Sterns, des Hamburger Psychologen und Persönlichkeitsphilosophen von philosophiegeschichtlichem Interesse. Des Schweden Abhandlung möchte man sich allerdings klarer geschrieben wünschen; doch ist der Versuch, Kant in der dort versuchten Weise fortzuführen (durch Oberbrückung der Spannung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft), sehr instruktiv. Sterns psychologische Bedeutung ist anerkannt. Sein Personalismus ist gewiß 206