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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 521

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
[Rezension] / Dienemann, Max
Date
1928-12-01
Page
521 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
spine
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IRI
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Anzeigen. Altalena: „Richter und Narr". Meyer und Jessen, München. 382 S- Karl. Mk. 6.—, Ganzl. Mk. 7.50. Ein Roman, den man gern und mit Spannung liest. In gewissem Sinne ein Tendenzroman. Die Geschichte Simsons, dargestellt von einem Romanschriftsteller, der zugleich moderner Nationalist ist. Er führt mit dichterischem Feingefühl die Erzählung über die Bibel hinaus und sucht den Verrat Delilas psychologisch zu begründen. Sie ist bei ihm die jüngere Schwester der Philisterin, die Simsons Gattin geworden war. Auch sie hat zu Sinison. eine tiefe und viel treuere und ehrlichere Liebe als die ältere Schwester im Herzen gelragen, Simson aber hat sie verschmäht und gekränkt. Nun kehrt sie nach mancherlei Irrfahrten als gefeierte Kurtisane nach Kanaan heim, rettet Simson das Leben, umschlingt ihn mit ihrer Liebe, er scheint sie wieder zu lieben; weder er noch irgend jemand weiß, wer sie in Wahrheit ist. Da entdeckt sie, daß er in ihr nur das in seiner Erinnerung fortlebende, nie vergessene Bild der älteren Schwester, der verhaßten Nebenbuhlerin, liebt; und nun hat sie keine Hemmung mehr, sie wird zur Verräterin. Ihr Haß begleitet Simson über die Blendung hinaus, ihr und sein Kind will sie zum Streiter gegen Israel erziehen, und das läßt nun in Simson den Plan reifen, das Dach des Hauses üben ihr, dem Kinde, den Philistern und sich, einstürzen zu lassen. Die Philister werden geschildert als die späten Enkel kretischer Kultur, hoch entwickelt, bis in alle Einzelheilen der Sitte und des Fühlens durchzivilisisrt, überfeinert und skeptisch. Simson wiederum wird geschildert als der Mann, dem die Trauer über die Zerrissenheit Israels und die Schmach der Wehriosigkeit am Herzen nagt, und der zugleich eine tiefe Neigung zu der feinen, überlegenen Kultur der Philister hat. Er verzehrt sich in Sehnsucht nach ihr; aber am Ende bricht doch in ihm die Überzeugung durch, daß der von Skepsis noch nicht gelähmte Geist der Israeliten dem der Philister überlegen sei, das Ungeordnete der Israeliten wegen der Tiefe und Frische ihres Gefühles der Ordnung der Philister überlegen bleibt, weil diese von der Skepsis angefressen sind. Ein zwiespältiger Mensch, derselbe Mann, der in Israel der strenge Nasiräer ist, keinen Wein trinkt, der führen und zusammenreißen will, ist bei den Philistern ein Zechbruder, der Liebesnächten nicht aus dem Wege geht. Nach der Einstellung des Verfassers kann man wohl vermuten, daß er bei Simson eine Zwiespältigkeit in der Seele des Juden zeigen wollte, der hin- und hergezogen wird zwischen dem Willen zum Eignen und der Lockung zum Fremden. Den Schöpfer der jüdischen Legion im Weltkriege erkennt man in dem Verfasser an seiner oft wiederholten Lobrede auf das Eisen als den einzigen Retter und in d*r besonderen Betonung des Werkes, die der einheitlichen Bewegung der Masse innewohnt. Den jüdischen Politiker erkennt man an mancherlei eingestreuten Bemerkungen, mit denen gewisse Schwächen des jüdischen politischen Verhaltens näher bezeichnet werden, und an den feierlichen Tischreden, die er Simson und den Philislerfürsten beim Hochzeitsmahl halten 'aßt. Es kann keine Schilderung der Verhältnisse des alten Israel geben, die nicht zugleich von dem religiösen Leben der Zeit handelt. Hierin ist der Verfasser Nachbeter der wildesten Theorien aus einer heute bereits überwundenen Epoche der christlichen Bibelkrilik. So wie diese schildert auch der Verfasser das Israel in jener Zeit als in krassestem Heidentum versunken, religiös völlig in der Magie aufgehend, sich an keiner Stelle von dem Kultbelrieb der Umgebung abhebend. Nirgends und an keinem Menschen leuchtet auch nur ein Strahl auf von dem Besonderen einer jüdischen Goltesidee, nirgends auch nur eine Ahnung von dem Andersgeartetsein des einen Goltes in Israel. Die Abhängigkeit des Autors von d^n Konstruktionen der Bibelkritiker ist besonders deutlich da, wo er es als eine von den Ureinwohnern übernommene Kultsitte der Philister schildert, beim Frühlingsfest neben allerhand orgiaslischen Ausschweifungen ungesäuertes Brot zu essen und vier Schalen Wein zu trinken. Ausgerechnet! Man merkt die Absicht ... Über diese und ähnliche Entgleisungen ärgert man sich, und doch hat man an dem Ganzen, auch wenn man eine politische Tendenz spürt, die man ablehnt, seine Freude. M. Dienemann. Die 1924 gegründete Ges. für jüd. Familienforschung gibt vierteljährlich ein Heft ihrer Mitteilungen heraus, deren i5les soeben erschienen ist. Die Hefte 1—12 521

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