Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 520 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen Veröffentlichungen bekannt ist, ein ausgesprochener Gegner jeglichen Nationalismus, und so ist für ihn der eine. Staat Postulat, die einzelnen empirischen Staaten können bestenfalls nur als partielle Werte gellen. „Der letzte Zweck des Staates ist seine Aufhebung." In allem, was Driesch zur Politik sagt, kommt deutlich seine Auffassung zum Ausdruck, daß das meiste historische Geschehen nicht „wesentlich", nicht Glied einer echten Entwicklung, sondern nur Kumulation sei. Das Gewissen des Bürgers hat den Vorrang vor dem Gehorsam. Hier ist die ethische Wurzel der Revolutionen, die eigentlich, da sie Gewalt anwendet, nicht sein sollte. Hier tritt aber, wie so oft in der Morallehre, das weniger Gute an die Stelle des Schlechten, und deshalb ist die Revolution zu entschuldigen. Jede Gewalt soll dabei auf ein Minimum reduziert werden, wie denn Todesstrafe, Krieg und Duell bei Driesch einer vernichtenden Kritik unterliegen. Der Patriolismus als Chauvinismus wird rücksichtslos verurteilt, die Monarchie als überlebt abgelehnt. Das Bekenntnis zu Republik und Demokratie wird dadurch charakteristisch bestimmt, daß der Verfasser das gleiche Wahlrecht ablehnt, die Abstufung aber nicht nach sozialen Gesichtspunkten, sondern nach geistiger Eignung vollzogen sehen möchte. Im Völkerbund sieht Driesch den verheißungsvollen Beginn einer neuen Epoche, im Kosmopolitismus die Tendenz des Pazifisten. Aufklärung ist die große Aufgabe zur Erreichung des sittlichen Zieles. Man muß durch sie die Menschen aus den Banden der verhängnisvollen Suggestion nationalistischer Agitatoren befreien. Erfolgreich kann diese pädagogische Arbeit größten Stils geleistet werden, wenn unter Zurückdrängung bedenklicher Neigungen, wie der Romantik und des Irrationalismus, Wissen um die Wirklichkeit in Vollständigkeit verbreitet wird. Dazu gehört auch die politische Seite, und man darf füglich Realpolitik als Forderung erheben, wenn damit der Verzicht auf empirisch Unmögliches und die Anerkennung und Einbeziehung der Ethik in die Tätigkeit des Politikers eingeschlossen ist. Es ist von hoher Bedeutung zu sehen, daß Driesch, die Autosuggestion (und entsprechend die Suggestion) als wirksames (und deshalb anzuwendendes) Mittel der Erziehung zum Besseren (unter den als notwendig erkannten psychologischen Bedingungen) ausdrücklich empfiehlt. — Das Ziel der Aufklärung ist Religion ganz im Geiste des spmozis tischen amor dei intelleclualis. Religiosität als rationaler Affekt — der einzige, der gerechtfertigt ist — kann nicht durch ethische Systeme ersetzt werden. Der kirchlichen Gläubigkeit und Dogmatik, die nicht widerlegt werden kann, bleibt Driesch fern, ohne ihre Bedeutung zu verkennen. Überwindung des Dualismus in der Welt, insbesondere soweit er durch die Spannung Sein — Sollen bedingt ist, ist das Ziel alles sittlichen Handelns. Wäre ich wahrhaft frei im Willen, mich durch reine höchste Rationalität bestimmen zu lassen, dann hieße die höchste (echte) Vorschrift: Habe den Entschluß zur Vernunft. Das Buch stellt einen bedeutenden Beitrag zur modernen wissenschaftlichen Ethik dar, weil er von hoher philosophischer Warte mit großem wissenschafllich-syslematischen Ernst und ebensolch tiefem sittlichen Streben geschrieben ist. Das lange Zögern des Autors, an dessen großem persönlichen Ethos nie ein Zweifel bestand, kann den Wert des Werkes nur steigern, desgleichen sein Bemühen, sich vom Übermaß des Pathos und der Verstiegenheit fernzuhalten. Es ist wirklich eine Morallchre, die verwirklicht werden kann. Mancher wird den Abschnitt, der dem Staat, den Staaten und den Völkern gewidmet ist, mit Erstaunen lesen. Wer Driesch kennt, wird nicht überrascht sein. Philosophisch ist ei im Recht, gewiß im Rahmen seiner Philosophie. Daß die empirischen Staaten usw. nichts Wesentliches sind, ist richtig. Fraglich ist nur, ob die Existenz der Vielheit von Staaten usw. nicht doch in einer Ethik, die nicht illusionistisch ist, positiver gewertet werden müßte. Dann würde auch das Problem der Juden als Sondergruppe (welcher Art auch immer) doch schwieriger sein, allerdings nicht als Problem der Morallehre. Daß das Judentum als Religion gar nicht gestreift wird, würde mich nicht treffen, wenn dafür die Auffassung ausschlaggebend war, daß es keine Kirche sei. Demokraten werden sich an der Einstellung Drieschs zum Wahlrecht stoßen. Ob Drieschs Lösungsversuch ideal ist, weiß ich nicht. Aber daß hier Probleme stecken, die durch mechanische Gleichheit nicht erledigt werden, hat er mit gedanklicher Klarheit erkannt. 520