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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 272

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn
Date
1928-08-01
Page
272 (sequence 2)
Language
German
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Paul Michaelis Zur Zeit der Aufklärung fand sich wohl hie und da, besonders unter den bürgerlichen Balten, eine Stimme, die für die gedrückten Juden in Kurland eintrat. Es hat im Baltikum aber nur eine Persönlichkeit gegeben, welche den Juden gerecht wurde: dies war um die Wende des 18. Jahrhunderts die baltische Schriftstellerin und Dichterin Elisa von der Recke, geborene Reichsgräfin von Medem, geboren 1754 auf Schloß Schönburg in Kurland, gestorben i833 in Dresden, eine Verehrerin Moses Mendelssohns, dessen persönliche Bekanntschaft sie auf ihrer Reise durch Deutschland machte. Als 17jähriges Mädchen wird Elisa mit dem durchaus nicht zu ihr passenden, robusten, derben, ungebildeten, um i5 Jahre älteren Georg von der Recke verheiratet, der aus einem der ältesten kurischen Adelsgeschlechter, stammte. Aufgewachsen „mit Hunden und Dienstboten", ohne Bildung, war er eine Herrennatur. Entsprechend seinem Bildungsgange war er der Ansicht, daß das Lesen die Frauen zu Närrinnen mache. Die Leidenschaft Elisas, die fünf Jahre in dieser unglücklichen Ehe verbrachte, war das Lesen. Li Büchern suchte sie, die sich von ihrem Manne abgestoßen fühlte, Erhebung und Aufrichtung ihrer gekränkten Frauenwürde. Diesen Trost glaubte sie in Moses Mendelssohns „Phaedon" zu finden. — Als Elisas Großmutter, eine echt baltische Landedelfrau, jeder Bildung abhold, den Bücherschrank ihrer Enkeltochter erblickte, sagte sie zu Georg von der Recke: „Lieber Recke, ich bedaure Sie recht sehr, daß Sie solch eine alberne Närrin zur Frau haben. Sie müssen sie kurz halten und all die verfluchten Bücher ins Feuer werfen." Elisa erwiderte: „Meine gnädige Großmama, hier ist kein Buch, das nicht ein jeder, der sich im Nachdenken übt, verstehen sollte." Diese Antwort macht die Großmutter wütend. Eine anwesende Tante zeigt auf das im Bücherschrank stehende Buch von Mendelssohn „Phaedon" und sagt: ein Verwandter der Familie, ein Pastor, zerbräche sich über das dumme Buch den Kopf und verstünde es nicht; ein dummer Jude habe es sich einfallen lassen,^ beweisen zu wollen, daß die Seele unsterblich sei. Die Großmutter ist empört, daß der Verwandte „ein so verwünschtes Buch" liest Die Tante erwidert: „Es war bei dem bloß Neugierde; er wollte doch sehen, was ein Lumpenjude schreiben kann." 1) *) Vergl. Elisa von der Recke. Aufzeichnungen und Briefe aus ihren Jugendtagen, herausgegeben von Paul Rachel, Leipzig 1900, S. 2Ö2. 272

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