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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 238

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
238 (sequence 26)
Language
German
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Edmoad Fleg: Warum ich Jude bin Perser, der glattrasierte Amerikaner, der Ägypter mit seinem Fez, und dort jene schwarze Erscheinung, in dem ungeheuren schwarzen Kaftan, die Pelzmütze auf dem Kopf, graue Locken an den Schläfen. Und angesichts all dieser fremden Gestalten geschah mit mir, was geschehen mußte: ich fühlte mich Judo, in hohem Grade Jude, doch ich fühlte mich zugleich in hohem Grade Franzose, Franzose aus Genf, aber Franzose. Ich wußte jetzt wohl, daß das Programm der Zionisten keineswegs die Rückkehr aller Juden nach Palästina vorsieht — das wäre zahlenmäßig undurchführbar: das jüdische Vaterland steht nur den Juden offen, die kein anderes zu haben glauben. Nun, ich war Franzose von der Mutter her, mein Fühlen und Denken war französisch orientiert, schon als Kind, durch die Dankbarkeit, die meine Eltern als Juden gegen dieses Land empfanden; dann waren es meine literarischen Bestrebungen, die meine Einstellung bestärkten, der lange Aufenthalt in Paris, das Leben unter den Mitschülern, den Universitätskameraden, deren KameradschafÜichkeit und Freundschaf t mir halfen, das zu werden, was ich bin, endlich die Dreyfus-Tragödie, die mich erschütterte, wie sie Frankreich erschütterte. Und mein Denken konnte das kleine Vaterland, das mich geboren hatte, Genf, nicht trennen von jenem großen Vaterland, dem ich sittlich angehörte, dem auch Genf, von so vielen Seiten her, angehörte. Als ich mich nun von dem spielerischen Egoismus lossagte und in mir selbst, wie mein lieber „Logiker", nach Bindungen suchte, fühlte ich, stärker und bewußter als die eben erst geweckten Instinkte des Juden, neben der Bindung an Israel die Bindung an Frankreich. Was war also für mich der Zionismus? Sie konnte mich begeistern, sie begeistert mich noch immer, diese Wundertat Israels, die ganz Israel angeht: drei Millionen Juden werden hebräisch sprechen, werden als Hebräer leben auf der Erde des Hebräers! Aber für die zwölf Millionen Juden, die zerstreut auf der Erde bleiben, für sie alle und für mich selbst blieb die tragische Frage bestehen: Was ist das Judentum? Was soll ein Jude tun? Wie ist man Jude? Warum ist man Jude? (Schluß folgt.) 238

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