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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 207

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-06-01
Page
207 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen zu kommt es für einen verhängnisvollen Fehler zu erklären, daß Deutschland die wiederholten englischen Bündnisangebote scheitern ließ, ist dem zuzustimmen. Die gemeinhinige, politisch so trivale Auffassung, England habe sich nur einen kontinentalen Degen gesucht ist unzulänglich, schon weil dabei nicht danach gefragt wird, welche Vorteile für sich selbst dieser kontinentale Degen dabei herausholen konnte. Schließlich war Preußen — vom englischen Standpunkte — i8i3—1865 auch nicht mehr. Hätte Deutschland ein Bündnis mit England sich nur dieselben Vorteile erholt, die Frankreich aus dem Bündnis seit igo4 gezogen hat — man hätte allen Grund gehabt, zufrieden zu sein. Ganz falsch ist die Auffassung, der kontinentale Degen sei in seinen Entscheidungen nicht einmal frei gewesen. Deutschland war kontinental, als Landmacht, viel zu stark, als daß es auf einen Wunsch Englands hin einfach hätte einschwenken und an einem Kriege teilnehmen müssen. Andererseits war mit Rußland kein gutes Bündnis zu bekommen, da jedes deutsche Angebot von Frankreich überboten werden konnte, ohne daß man in Paris eigene Interessen hätte aufgeben müssen. Natürlich fragt Meinecke nach dem Warum? Er sieht es einmal darin, daß Holstein sich aus Bismarckdogmatismus nicht in die weltpolitischen Bedingungen hineindenken konnte, dann in der Leichtlebigkeit von Bülow, der Situationen meisterte und darum grundsätzlichen Entscheidungen auswich; er sieht das warum aber auch in der konservativ-dogmatischen- Einstellung des Kabers und seiner Regierungsmänner, die von der konservativen Luft der preußischen Atmosphäre unbedingt, wenn auch vielleicht unbewußt, stark beeinflußt worden sind. Das liberale England war unsympathisch, Rußland galt als Hort des Monarchismus. Leider trifft das zu. Es beweist, wie falsch die Auffassung derer ist, die glauben dem Liberalismus einseitig eine dogmatische Einstellung zu den Fragen der auswärtigen Politik vorwerfen zu können. So bedeutet Meineckes Buch ganz allgemein eine große Bereicherung unserer politischen Literatur, ein Beispiel dafür, daß man aus der Historie lernen könnte, wenn man nur wollte. Ob die Rußlanddogmatiker unserer Zeit es wollen? L. Bergstraße r. Bousset: Die Religion des Ju-. dentums im späthellenischen Zeitalter. In dritter verbesserter Auflage herausgegeben von Hugo Greßmann, Tübingen. J. C. B. Mohr XI und 576 S. geb. i6.5o Mk. brosch. i5.— Mk. Boussets Buch war, als es einst erschien, eine Sensation. Fesselnd geschrieben, vertrat es mit unverhüllter Deutlichkeit den Standpunkt, daß das Judentum in dem dem Erscheinen Christi voraufgehenden Jahrhundert in einem Zustand der Erstarrung und in ein Abgleiten von der prophetischen Linie innerlicher Frömmigkeit geraten sei. Christentum und Judentum wurden gegeneinander abgewertet, und die Überlegenheit des Christentums sollte sich erweisen durch eine andere, höhere Sittlichkeit und durch eine tiefere, innigere und innerlichere Gottesvorstellung. Es waren die entscheidenden Fehler des Buches, daß es als das Judentum der christlichen Zeit das hellenische in den Vordergrund rückte, daß es über die Zeugnisse des rabbinischen Judentums hinwegging, und wo es sie beachtete, sie aus der vorgefaßten Meinung von der selbstverständlichen Höherwertigkeit des Christentums mißverstand und falsch deutete. Eine Flut von Kritiken schwoll auf, von jüdischer Seite wurden die Fehler schonungslos aufgedeckt, und di© Pharisäer, wie sie wirklich waren, erstanden im Bilde neu in den Büchern von Perles, Elbogen und Eschelbacher; zu ihnen gesellte sich von christlicher Seite Travers, Herford und Moose. Nun hegt hier nach mehr als 20 Jahren die dritte Auflage vor; vieles ist verbessert, die Ergebnisse der alttestamentlichen und religionsgeschichtlichen Forschung der letzten Jahre ist verwertet und hineinge-' arbeitet. Der Titel ist geändert; in der ersten Auflage hieß er: „Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter", wobei der Ziel- und Richtpunkt der Darstellung und Beurteilung des Jüdischen das Neue Testament war, jetzt heißt er: „im späthellew nischen Zeitalter"; vermieden ist der Ausdruck „Spätjudentum" ab Bezeichnung der zu schildernden Epoche, ein Ausdruck, der sie in einen bewußten Gegensatz zum klassischen biblischen Judentum setzen wollte, gleichsam ab sei die Linie abgezogen und abgebrochen, und der zugleich das Judentum des neutestamentlichen Zeitalters ab Ausgang und 207

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