Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 206 (sequence 2)
- Language
- German
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bart nahm, ohne doch jemals in einem Schülerverhältnis gegenüber diesem Philosophen zu stehen. Wir erleben es mit, wie er zuerst mit mythologisch-psychologischen und ästhetische Problemen rang und dabei, wenigstens keimhaft, schon einige Grundgedanken der künftigen Ästhetik sich bilden. Wir erkennen dann, wie die Vertreter des philosophischen Idealismus: Plato, Leibniz, Kant mehr und mehr in den Vordergrund des Interesses treten. Deutlicher erkennbar sind dann bald die Grundlagen des Systems, und in Schriften wie z. B. der Abhandlung über das Infiniterimalproblem, zeigt sich bereits der Meister der Logik. Wir müssen es uns versagen, an dieser Stelle, die Entwicklung Cohens im Einzelnen zu verfolgen; vielmehr scheint es uns angebracht, darauf aufmerksam zu machen, wie in diesen zwei Bänden keineswegs nur abstrakte Fragen der Wissenschaft behandelt werden; sondern wie vielmehr die Philosophie, als die Lehre von den Grundlagen des Kulturbewußtseins der Menschheit, ihren engen Zusammenhang mit den Problemen des Lebens und ihre Qualifikation ab Führerin in den Fragen der Weltanschauung bewährt. Dies war besonders klar nach dem Erscheinen der „jüdischen Schriften"; aber auch die jetzt vorliegende Sammlung bringt, neben Abhandlungen, die sich nur an den Fachphilosophen richten, solche, die das Interesse weitester Kreise beanspruchen können. Aus dem ersten Band wären als für Nicht- Fachleute interessant besonders hervorzuheben: die Rede „Von Kants Einfluß auf die deutsche Kultur" und der Vortrag „Über das Eigentümliche des deutschen Geistes"; der zweite Band bringt in dieser Hinsicht noch weit mehr. Da ist z. B. eine Abhandlung „Der deutsche Idealismus und die Antike", die zeigt, wie groß die innere Verwandtschaft unserer Kultur zur Antike, wie hoch also auch die Bedeutung der letzteren für unser Volk ist. Aber auch zu Tagesfragen der Politik hat Cohen Stellung genommen; man lese die Ausführungen über „das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht", oder das kurze Manifest gegen die Todesstrafe unter dem Titel: „Vernichtung der sittlichen Persönlichkeit". Wenn wir sagen, daß diese und andere Abhandlungen sich an ein größeres Publikum richten, so wollen wir ihnen damit natürlich nicht den wissenschaftlichen Wert und Gehalt absprechen; im Gegenteil. Und wie gediegen sind auch die Essais, die unter dem, Titel „Persönliches" zusammengefaßt sind! Hier hat Cohen u. a. seinem verehrten Freund und Amtsvorgänger F. A. Lange Würdigung zuteil werden lassen; es finden sich ferner Aufsätze über Elsas, L. Schmidt, A. Stadler u. a. Was allen Werken Cohens gemeinsam ist: die tiefgehende Durchdringung des Stoffes, die klassische Form der Darstellung und der Geist echter Humanität, der sie beseelt, das ist auch das Charakteristische dieser Schriften. Wie in der „Ethik des reinen Willens" (Syst. d. Philosophie, II. Teil) die Tugendlehre in der Tugend der ..Humanität" gipfelt, so ist es überall die reinste Menschlichkeit, die sich auch in diesen Abhandlungen offenbart. Die Herausgeber haben dem Werke die Gedenkrede E. Cassirers (am Grabe seines Meisters gehalten) vorangestellt. Jeder Band ist mit einem schönen Bilde Cohens, gezeichnet von K. Doerbecker, geschmückt. Die Ausstattung des ganzen Werkes durch den Verlag ist lobenswert. So ist auch durch diese Publikation dem Andenken des großen Philosophen und Lehrers, dem Haupte der Marburger Schule, alle Ehre angetan; man kann nur wünschen, daß die zwei schmucken Bände nun auch recht viele Leser finden I W. Kinkel. Friedrich Meinecke: Geschichte des deutsch-englischen Bündninsproblems 1890—1901. München 1927. Verlag R. Oldenbourg. 268 Seiten. Geh. 9-5o M, geb. n.5o M- Es ist ungemein reizvoll die Darstellung zu verfolgen, die Meinecke von den einzelnen Bündnisverhandlungen zwischen England und Deutschland gibt; denn einer überlegten Klugheit gelingt so unendlich viel aus den Akten herauszuholen. Auch wenn man im Einzelnen, so etwa in der Wertung der Rückversicherungsverträge und demzufolge in der Einschätzung des russischen Angebots anderer Meinung ist, wird man zugeben, daß er die große Linie der Politik unbedingt richtig dargestellt hat. Doch darin liegt nicht die Bedeutung des Buches. Mit solcher Leistung allein blieb es ein Fachwerk, d. h. Stückwerk. Den eigentlichen Wert für den weiteren Krei>- derer, die sich ernstlich um außenpolitische Fragen kümmern, möchte man darin erblicken, daß an dem Einzelproblem alle Möglichkeiten der Entscheidung grundsätzlich und doch nicht theorelisierend durchdacht sind. Wenn Meinecke dabei trotz aller Vorsicht, da- 206