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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 205

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-06-01
Page
205 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen zu Kant" erschallen ließen, s.Chr.H.Weiße, Ed. Zeller u. a. Doch erst seit dem Auftreten Otto Liebmanns und F. F. Langes kam die Bewegung recht in Fluß. Der kritische Geist erwachte wieder, die Sicherheit des metaphysischen Dogmatismus wurde nach und nach gründlich zerstört. Indessen mit vertieftem Studium häuften sich auch die Schwierigkeiten, die sich dem Verständnis der Werke Kants entgegenstellten. Fast schien es, als ob das Resultat dieses Studiums so negativ sein sollte, daß von dem Systeme Kants nichts übrig blieb. Wie wenig man sich über die elementarsten Voraussetzungen der kritischen Philosophie einigen konnte, verriet schon der Streit zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer über Kants Lehre von Raum und Zeit; nimmt man aber gar den mit einem Riesenfleiß hergestellten Kant-Kommentar von Vaihinger zur Hand, so kann der Eindruck entstehen, als ob sich die Kritik der reinen Vernunft auf jeder Seite zehnmal wiederspräche. Einem solchen Zustande machten erst die Kant-Schriften H. Cohens ein Ende: „Kants Theorie der Erfahrung", „Kants Begründung der Ethik", „Kants Begründung der Ä.sthetik" usw. Hier wurde — ohne ein „Schwören auf die Worte des Meisters" — eine einheitliche und tiefe Interpretation der Hauptwerke Kants gegeben, die bewies, daß vom richtigen Gesichtspunkte aus fast alle scheinbaren Widersprüche der Kantischen Philosophie verschwanden, es zeigte sich, daß auch heute noch das Wort Goethes, welches er zu Eckermann sprach, in Geltung ist: daß nämlich keiner, dem es um echte vVisisenschaft zu tun ist, ungestraft an Kant vorübergeht. Die freimütige Kritik, die dennoch zugleich an der Position Kants in vieler Hinsicht geübt wurde, verkündete schon im voraus, daß Cohen nicht würde bei Kant stehen bleiben, sondern „mit Kant über Kant hinaus" zu seiner Losung nehmen müßte. Das eigene System Cohens, das er dann in der Reife seiner Jahro entwarf, zeigte, daß die Entwicklung wirklich so verlaufen war. Die vorliegenden 2 Bände „Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte" (besonders wenn man zugleich die vor einiger Zeit erschienenen 3 Bände .Jüdische Schriften" mit berücksichtigt), legen das Werden und Wachsen der CoHenschen Systems deutlich vor Augen. Wir erkennen, wie er seinen Ausgangspunkt bei Herx) Vergl. zum Folgenden die Einleitung in mein Buch über H. Cohen (Stuttgart lgah). Kritik zur Sache, vom Buche in das Leben, von der Bibel in die Frömmigkeit selber zu führen. In der Tat hat ja die Atomisierung der Bibel sehr häufig den Zugang zu den Quellen des religiösen Lebens verschüttet. Dürr zeigt bei voller Wahrung seiner religiösen Überzeugung die einzigartige, geistesgeschichtliche Bedeutung des Alten Testaments. Es ist ihm auch gelungen, die Kerngedanken der jüdischen Religion klar herauszuschälen und ihren Ewigkeitswert für den Bekenner der Tochterreligion darzutun. Ja, er bekennt an mehreren Stellen offen, daß die religiösen Wahrheiten des. Neuen Testaments überall implicite schon im alten Bunde vorhanden seien. Er versucht auch, die praktische Lebensweisheit Israels logisch und psychologisch aus der religiösen Einstellung des Alten Testaments abzuleiten. Hervorzuheben ist schließlich, daß es ihm gelungen ist, auf Grund seiner Einstellung zur Aufgabe, manche schwierige Stelle in rhythmischer Form dem Sinne nach richtig zu erfassen. Das Buch ist in klarer Sprache geschrieben und sei einem gebildeten Kreise von Nichtfachmännern wärmstens empfohlen. Martin Jos eph. Hermann Cohen: Schriften zur Philosophie und Zeitgeschichte. Herausgegeben von A. Görland und E. Cassirer, Akademie-Verlag, Berlin 1928. 2 Bände. Man weiß, wie nach dem Tode Hegels (i83i) die Philosophie in Deutschland bald traurige Tage erleben mußte; es schien eine Zeitlang, als seien ihre Tage überhaupt gezählt und als habe sie ihre Daseinsberechtigung als Wissenschaft verloren. Die Hegeische Schule fristete zwar eine Scheinexistenz auf den Lehrstühlen der Universitäten; aber der Geist verknöcherte mehr und mehr, und anstelle fruchtbarer und lebendiger Begriffe traten leere Schemata und äußerliche Formen. Die emporblühende Naturwissenschaft schien dem Materialismus recht zu geben: die Werke eines Büchner, Moleschott, Czolbe usw. waren in den Händen des weitesten Lesepublikums. Da war es denn das erneute Studium Kants, welches die Philosophie wieder belebte und ihren Rang als Wissenschaft rettete.1) Es waren zuerst einige einsichtige Köpfe unter den Hegelianern selbst, die den Ruf: „Zurück 205

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