Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 204 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen •eres gegen frühere Zeiten veränderten Wirklichkeitsbewußtseins. Will man mit einigen Schlagworten Richtung und Ziel des neuen Denkens andeuten, so kann man sagen:, Es ist für die Wissenschaft und gegen den Seientismus, d. h. gegen die Umwandlung wissenschaftlicher Methoden zu metaphysischen Prinzipien und damit gegen Naturalismus, Positivismus und gegen allen „Zeitlosigkeitsidealismus"; es ist für die Arbeit am fruchtbaren Einzelproblem und gegen die Aufblähung zeitlich bedingter Konflikte zu Weltproblemen; es ist für den Glauben, der die Wirklichkeit offen läßt und gegen die Verengung des philosophischen Systems und damit gegen alle Mathematisierung der Weltanschauung, wie sie der Selbsttäuschung eines sich autonom gebärdenden Denkens entspricht. Diese Hindeutungen müssen hier genügen. Dem, der tiefer eindringen will in den geistigen Umwandlungsprozeß unserer Epoche, sei das Buch von Herrigel dringend empfohlen. Er wird des Aufbauenden und Nachdenkenswerten viel darin finden. Julius Goldstein. Leo Baeck: Das Judentum. (Aus: „Die Religionen der Erde, ihr Wesen und ihre Geschichte". Dargestellt von Carl Giemen, in Verbindung mit Franz Babinger, Leo Baeck, Heinrich Hackmann, F. E. A. Krause, Karl H. Mever, Friedrich Pfister, Günther Roeder, "Albert Schott, Franz Rolf Schroeder, Erich Seeberg, Otto Strauß. Verlag F. Bruckmann A.-G., München. 5i5 S., geb. M 28.—. Professor Carl Clemen (Bonn), der Herausgeber dieses vortrefflichen Sammelwerkes, hat den einzelnen Verfassern die Aufgabe gestellt, allgemeinverständlich zu schreiben, alle entbehrlichen gelehrten Einzelheiten wegzulassen, und bei jeder Religion „diejenige Seite herauszuarbeiten, auf die es für deren Anhänger wirklich ankam". Diese Aufgabe hat Baeck meisterhaft gelöst. Seine Darstellung des Judentums hinterläßt den Eindruck eines Kunstwerkes, in dem jede Einzelheit vom Rhythmus des Ganzen durchwaltet ist. Auf 34 Seiten ein Bild des Judentums zu entwerfen, dem Wichtigen und weniger Wichtigen die richtige perspektivische Verteilung zu geben, die klare Begriffsführung nicht vom religiösen Affekt verdunkeln und doch in gehaltener Sprache die Ergriffenheit des Gemütes spüren zu lassen — solche Leistung kann nur ein Mensch hervorbringen, in dem der Gelehrte und der Künstler zu einheitlicher Schöpferkraft verbunden ist. An Gelehrsamkeit und philologischer Kleinarbeit mögen ihm andere gleichkommen oder ihn übertreffen: in der intuitiven Erfassung des Wesensgehaltes historischer Lebensgebilde, in der zusammenschauenden Darstellung des Judentums als eines sich über Jahrtausende erstreckenden Gesamtphänomens, dürfte Baeck der einzige jüdische Theologie sein, der bei der Bewältigung dieser Aufgabe die Höhenlinie der führenden christlichen Theologen erreicht. Baecks Darstellung des Judentums kann man weder als apologetisch noch als exegetisch, weder als historisch noch als religionsphilosophisch bezeichnen. Alle diese Betrachtungsweisen sind wohl vorhanden, aber sie sind nicht das eigentlich Bestimmende. Es ist eine neue Art, das Problem in Angriff zu nehmen. Baeck beginnt mit dem das Leben gestaltenden Urmotiv und läßt alles weitere wie die Töne aus dem Grundakkord mit innerer Notwendigkeit hervorgehen. Der Begriff stellt sich als zusammenfassendes und erhellendes Ergebnis lebendigen Geschehens ein. Die schriftstellerische Kraft des Verfassers offenbart sich in der Verwendung schlichter und gebräuchlicher Worte, die im Zusammenhang des Satzes eine neue Leuchtkraft gewinnen. Baeck hält sich von aller Polemik fern, ob auch gleich der Kenner den leisen Ton der Zwiesprache mit dem Gegner heraushört. Das ist ein besonderer Reiz der Lektüre dieser Abhandlung, die man im übrigen als eine religiöse Konfession, frei von konfessioneller Enge, ansprechen kann. Es wäre zu wünschen, daß der Verlag später einmal diese Arbeit als Sonderdruck herausgäbe. Julius Goldstein. Lorenz Dürr, o. Prof. der Theologie in Braunsberg (Ostpr.): Religiöse Lebenswerte des Alten Testaments. Verlag: Herder & Co. 1928. Der Verfasser stellt sich die Aufgabe, die „Schönheit der Welten und die Tiefe der Gedanken, das AUerheiligste des Alten Testaments" aufzuzeigen. Er ist sich mit Kittel darin einig, daß es die Hauptaufgabe der heutigen Wissenschaft sein müsse, von der 204