Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Claude G. Montefiore zum 70. Geburtstag
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 181 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898804--02773-2898918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Claude G. Montefiore zum 70. Geburtstage Von I. Elbogen Unserer Zeit wird der "Vorwurf gemacht, daß sie nivelliert und Persönlichkeiten nicht aufkommen läßt. Claude G. Montefiore, der am 6. Juni dieses Jahres das biblische Alter erreicht, hat durch sein gesamtes Leben diese Behauptung widerlegt, er ist immer seinen eigenen Weg gegangen und hat seiner Wirksamkeit stets den Stempel seiner edlen Persönlichkeit aufgeprägt. Daß er sein Leben der Gesamtheit widmete, daß er an zahlreichen sozialen und philanthropischen Werken, vielfach an leitender Stelle, mitarbeitete, darin unterschied er sich nicht von der Tradition seiner Familie und seiner Umgebung. Daß er sich mit besonderer Wärme der Geschicke von Menschen und Institutionen annahm, daß er sich manches versagte, um es anderen zuwenden zu können, auch das würde nur einen Unterschied des Grades, nicht des Grundsatzes bedeuten. Was ihn aber völlig aus der jüdischen Aristokratie seiner Zeit heraushebt, ist seine Hingabe an die jüdische Religion und ihr Schrifttum. Montefiore ist einer der wenigen jüdischen Theologen unserer Zeit und einer der Auserwählten, die ein Ideal der Frömmigkeit erkannt und ihm nachgelebt haben. „In Freimut und Ehrfurcht" der jüdischen Religion zu dienen, das betrachtete er als die Aufgabe seines Lebens — er hat sie in ernster, heiliger Hingebung erfüllt. Sein erstes Hervortreten in jüdischwissenschaftlichen Angelegenheiten war die Begründung der Jewish Quarterly Review, die er 1890—1910 mit Israel Abrahams zusammen herausgab, eine Zeitschrift von hohem Niveau, die in England und Amerika die jüdisch-wissenschaftliche Arbeit mächtig angeregt hat. Sein Freimut hat mannigfache Kritik gefunden, in seiner Ehrfurcht vor jeder ehrlichen Überzeugung hat er sie anerkannt, wo sie sachliche Berechtigung hatte. Stets den Quellen und den Kernfragen der Religion zugewandt, hat er die Bibel auf der Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnis unserer Zeit bearbeitet; sein zweibändiges Werk „The Bible for Home- Reading" (1896) ist die Bibel des englischen jüdischen Hauses geworden. Durch seinen „Kommentar zu den synoptischen Evangelien" wollte er dem Juden den Zugang zum Verständnis des Neuen Testaments erleichtern. Dieses gelehrte Werk, das 1927 in neuer Bearbeitung erschien, ist gleichzeitig ein Bekenntnisbuch, in dem der Verfasser ständig seinen eigenen ISX