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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-04-01
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen nung des Mittelalters. Dort herrschte eine geistige Autorität: Der römische Katholizismus. Die entscheidenden Fragen des Menschenlebens standen unter der Autorität der Geistlichen. In dem Zusammenbruch dieser religiösen Autorität sieht Comte die Ursache des Zerfalls und der Anarchie. Er will diese Autorität wieder aufrichten durch eine neue Religion, die ebenso bindend und autoritär 6em soll wie der mittelalterliche Katholizismus. Seine positivistische Philosophie ist der Versuch, diese Religion einzusetzen, deren Gott die Menschheit, deren Priester die Wissenschaftler sein sollen. Er glaubt, daß die Wissenschaft seiner Zeit alles erkannt und festgestellt habe, was eine beherrschende Autorität für die menschliche Gesellschaft abgeben könne. Diese Behauptungen prüft Cochet scharfsinnig und prinzipiell. Das Problem von Autorität und Freiheit erfährt eine eingehende Würdigung. Indem sie die Unzulänglichkeit des Comteschen Positivismus überzeugend nachweist, wird die Arbeit zu einer Kampfschrift gegen alle Versuche, vergangene Ordnungsautoritäten ohne weiteres auf unsere Zeit zu übertragen. Ihr Urteil über Comte ist vernichtend. Was sie gegen diesen Denker und gegen alle diejenigen vorbringt, die in seinen Bahnen auch heute noch wandeln, (ein großer Teil der französischen Soziologen) ist überzougend und unwiderleglich. Es scheint mir nur, daß sie das viel verschlungene Problem von Autorität und Freiheit selbst nicht in seiner ganzen Schwere und Tragik erfaßt hat, daß sie ein zu großes Maß von Optimismus dem Menschen und seiner geistigen Kraft entgegenbringt. Es kommt noch hinzu, daß sie auch das religiöse Problem allzusehr im Subjektiven versenweben läßt und der Bedeutung der religiösen Tradition nicht gerecht wird. Aber das alles tut der vortrefflichen Leistung keinerlei Abbruch. Ein beschwingter, wohl abgewogener Stil macht die Lektüre der Schrift zu einem hohen Genuß. Die Fülle der Gedanken über die uns heute bewegenden Fragen regen zum Nachdenken an. Man legt das Buch aus der Hand mit dem dankbaren Bewußtsein, wichtige Einblicke in Zusammenhänge empfangen zu haben, um deren Erkenntnis unsere Generation sich abmüht. Julius Goldstein. Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadl, bearbeitet von Dr. Bernhard Wachstein. Mit einer Studie: Die Entwicklung des jüdischen Grabsteines und die Denkmäler des Eisenstädter Friedhofes von Sändor Wolf mit 77 Abbildungen. Wien, 1922. Adolf Holzhausen. Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengemeinden. Bearbeitet von Dr. B. Wachste in mit 22 Abbildungen. Wien und Leipzig 1926. W. Braumüller. „Der Gedanke., ein Stück Leben aus einem Winkel in seiner Unmittelbarkeit vorzuführen" beseelt — nach seinem eigenen Geständnis — den Wiener Historiker Dr.• Bernhard Wachstein, bekannt durch sein . zweibändiges Monumentalwerk über die „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien'*, (bei W. Braumüller, 1912 und 1917), das seither als Mustertypus derartiger Publikationen angesehen wird. Eigentlich durch die Beschäftigung mit dieser Materie kam der Meister auch mit der kleinen Judengemeinde Eisemstadt in Berührung, die, zwei Stunden von Wien entfernt, durch viele Bande persönlicher und politischer Natur mit der Kaiserstadt verbunden war. So entstanden — durch die fürstliche Munifizenz eines Eisenstädter Patriziersprößlings, Sändor Wolf ermöglicht, — erst die „Eisenstädter jüdischen Grabschriften", denen nun „Urkunden zur Geschichte der Juden in Eisenstadt" folgten. Aber weder hier, noch dort erschöpft der bescheiden-nüchterne Titel, der allenfalls eine wissenschaftlich-kritische Edition historischer Quellen vermuten läßt, auch nur annähernd den Inhalt des Werkes. Hatte Wachstein im I. Bande die Steine reden gemacht, aus toten Daten, formelhaften Nachrufen lebendige Personen und Persönlichkeiten uns erstehen lassen, so sollten im II. Bande dieselben Menschen — gleichsam in stereoskopischer Aufnahme, — wirklich lebend, handelnd, schaffend uns vorgeführt werden. Und mar in demjenigen Milieu, in dem sie ihr ganzes Leben verlebten und auch auslebten: in der „Gasse"! „Die Festhaltung eines solchen Stückes Vergangenheit hat — in zwar einigermaßen beschränktem Maße — typische Bedeutung. Die ungefähre Gleichheit der Bedingungen, unter denen die Juden seit etwa dem elften Jahrhundert im deutschen Sprach- 102

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