Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 101 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen Leben bestimmend sind. Dieser Einleitung folgen Hans Muchs Ausführungen über den „Körper als Fatum" und C.G.Jungs Vortrag über „Die Erdbedingtheit der Psyche", der im Wesentlichen die bedeutenden Untersuchungen dieses Forschers über das k o 11 e ktiveUnbewußte (im Gegensatz zum persönlichen Unbewußten) bringt. Der Vortrag von Leo Frobenius , JürdenschicKsal und Kulturwerden" geht wesentlich über das Polarilätslhema „Z e i t im Anfang und Raum am Ende" und ruft zum Übergang aus dem Raum (Erstarrung) in die Zeit (das Fließende) auf. Zu den hervorragendsten Kapiteln des Buches gehört das von Max Scheler über „Die Sonderstellung des Menschen", die nach Scheler ausschließlich auf dem Geist als einem dem Leben schroff entgegengesetzten Elemente begründet ist. Diese Entgegensetzung wird von Scheler jedoch nicht in der Weise von Ludwig Klages gefaßt; denn dieser schreibt dem Geiste Aktivität, und zwar lebenzerstörende Aktivität zu, während nach Scheler dem Geiste überhaupt keine „Kraft und Macht", keine ursprüngliche Tätigkeitsenergie zukommt. Im weiteren Verfolg seiner Gedankengänge kommt Scheler zu der Formulierung, daß der Gegensatz Geist—Leben nicht als ursprüngliche Feindschaft oder als Kampfzustand zu fassen sei; Geist und Leben seien vielmehr trotz allem „aufeinander hingeordnet". Schelers Gedankengänge gipfeln in dem Hegeischen Gedärmen: Das Urseiende wird im Menschen seiner selbst inne — aber dies nicht als bloß geistiger Akt, sondern das Inne-Werden vollzieht sich als Selbstverwirklichung „Gottes" im Menschen. „Der Ort dieser Selbstverwirklichung, sagen wir gleichsam, jener Selbstvergottung, die das durch sich seiende Sein sucht und um deren Werden willen es die Welt als eine „Geschichte in Kauf nahm — das eben ist der Mensch, das menschliche Selbst und das menschliche Herz." Der zweite Keyserlingsche Vortrag „Der erdbeherrschende Geist" setzt sich ausführlich mit Scheler und Klages auseinander und zeigt Keyserlings Denken auf einer erfreulichen Höhe der Einsicht und Vorsicht. Dagegen greift Prinzhorn in seinem Vortrag „Die erdentrückbare Seele" wieder nachdrücklich auf den Klagesschen Standpunkt der hoffnungslosen Entzweiung von Geist und Seele (= Leben) zurück; seine Ausführungen scheinen mir dem Titel schnurstracks zu widersprechen, indem er mit seiner „Ekstase" nicht die Entrückung der Seele von der Erde, sondern vom Geist zur Erde meint. Keyserlings letzter Vortrag „Der Mensch aus kosmischer Schau" stellt der irdischen Bindung und Verhaftung des Menschen seine entscheidende Verankerung im Meta-Physischen mit stärkster Betonung gegenüber. „Wir leben nachweislich, ob wir's verstehen oder nicht — und tatsächlich ist es zu verstehen ganz unmöglich — aus einem Jenseits des Lebens heraus . . . Was die Begriffe des „Sollens", der „Werte" betreffen, ist schon kein Leben mehr. Es ist ein Über-Biologisches. Und damit ein Über-Irdisches. So sind wir als Urgrund ohne jeden Zweifel über den irdischen Flutungen erhaben . . . Vom Kosmos aus betrachtet, ist der Mensch auf Erden nur Gast. So ist zwar irdisches Nomadentum sinnwidrig: geistiges ist einzig sinngemäß." Das Buch ist in hohem Maße lebendig und anregend. Es bietet geistigen Gewinn nicht in platter, direkter Formel, sondern als eine landschaftliche Ordnung verschiedener Denkweisen. Es trägt nicht Wahrheit geformelt vor, sondern es erregt im Leser einen Prozeß eigener Wahrheitsfindung. WilhelmMichel. Marie-Anne Cochet: Essai sur l'Emploi du sentiment religieux comme base d'autorite (Paris 1925). Die „Academie des Sciences et Politique" hatte für das Jahr 1923 ein Preisausschreiben erlassen, das lautete: „Le Positivisme d'Auguste Comte. La Place du sentiment religieux dans l'ensemble de la doctrine". Marie-Anne Cochet hat den Preis erhalten mit der vorliegenden Arbeit. Daß der Titel verändert worden ist, erscheint durchaus gerechtfertigt, denn die Verfasserin hat das ganze Problem aus einem philosophiegeschichtlichen zu einem der allgemeinen Kultur gemacht, Sie hat Comte nur zum Exponenten einer ganzen Richtung genommen. Sie hat das Problem prinzipiell gefaßt. Welche Bedeutung hat die Autorität in der Aufrechterhaltung der Ordnung einer Gesellschaft? Kann die Religion die Ordnungsautorität abgeben? Kann es die Wissenschaft? Diese Fragen haben Comte aufs tiefste bewegt. Er lebte in den Erschütterungen der französischen Revolution. Er suchte die Gründe für die Unruhe seiner Zeit. Er verglich diese Unruhe mit der Glaubenssicherheit und Ord- 101