Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- [Rezension] / Michel, Wilhelm
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 100 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477--02668-2898783- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Anzeigen Martin Buber: Die Chassidischen Bücher. Verlag Hegener, Hellerau. Martin Buber bat das, was er im Laufe von 20 Jahren zur Geschichte, zur Gestaltenreihe und zur religiösen Meinung des Chassidismus gesammelt und geformt hat, vor kurzem in einem Buche vereinigt. Es ist unter dem Titel „Die chassidischen Bücher" bei Jakob Hegner in Hellerau erschienen und gerade zurecht gekommen, um zu Bubers fünfzigstem Geburtstag (8. Februar 1928) ein Bild seiner vornehmsten Lebensleistung zu geben. — Schon bei früherer Gelegenheit (in meiner Schrift „Martin Bubers Gang in die Wirklichkeit", Frankfurt, Rütten & Loening) habe ich darauf hingewiesen, daß die deutsche Literatur im „Großen Maggid", im „Verborgenen Licht' einen unvergleichlichen Schatz besitzt, nämlich Bücher der religiösen Anekdote. So große Werte in der Predigt und in der Sentenz und in der religiösen Betrachtung liegen können: in der Anekdote ereignet sich das Unschätzbare, daß sie zum Körper immer die einmalige, scharf begrenzte Situation des wirklichen Lebens hat und in sie das Himmlische gleichsam einpreßt. Die religiöse Anekdote stellt das dichteste Beisammenwohnen des Uferlosen und des Begrenzten dar; sie ist die gewagteste und hitzigste Begegnung beider, und wie in der physischen Welt Wärme aus Druck entsteht, so glaubt man auch hier gerade aus der Raumenge, in die das Himmlische gedrängt wird, die erhitzende und erregende Kraft dieser Anekdoten erklären zu können. * Geht man dann einen Schritt weiter, so sieht man, daß hier die Form der Anekdote nicht bloß Kleid oder Prägung ist, sondern daß sie schon als Form eine religiöse Essenz enthält. Denn die Enge des Beisammenseins, in die sie Irdisches und Himmlisches preßt, ist Abbild der Innigkeit, die zwischen beiden realiter bestehen kann und bestehen soll. Nicht nur Abbild, sondern schon Zeugnis und schon Begebnisfall. Daß ein Mensch in einer vielleicht lächerlich kleinen, nüchternen Situation auf einmal aufleuchten kann, wie ein Stern; daß der trockenste Alltag in echter und direkter Gottbeziehung gelebt werden kann — das strahlt überall au» diesen Geschichten heraus. So sind sie nicht Einkleidungen oder Gleichnisse von Lehrmeinungen, sondern praktische Bewährungen einer mitten in die Welt gestellten Frömmigkeit. * Was Buber in den verschiedenen Geleilworten zu den einzelnen Abschnitten sagt, ist immer groß und recht gesehen, maßgebend und sorgsam dargestellt. Es ist theologisches Denken; aber ein theologisches- Denken, dem selbst stumpfe Menschen abmerken müssen, daß es die wichtigsten und wirklichsten Dinge unsrcs Lebens betrifft; Dinge, die Jeden angehen, Entscheidungen, die Jeder trifft, ob er es weiß oder nicht. Bubers Ausführungen sind mit ihrer Strenge aufrüttelnd, mit ihrer Behutsamkeit gewissenschärfend, mit ihrem festen Wissen tief beruhigend. Viele verdanken ihm heute schon geistliche Wohltaten höchsten Ranges. Es ist verjüngte Religion, was aus ihm spricht; es ist heue Verkündigung, neue Ergriffenheit, doch ohne Schwärmen, weil sie sogleich tief genug gegangen ist, um Demut und Schlichtheit zu wirken. Wir sollen uns an Martin Buber freuen und auf ihn hören in möglichst vielen Stunden des Lebens. WilhelmMichel. Mensch und Erde. Verlag Otto Reichl, Darmstadt. Herausgeber Graf Hermann Keyserling. Die letzte Tagung der Darmstädter „Schule der Weisheit" hatte zum Gegenstand die Beziehungen zwischen Mensch und Erde. Graf Keyserling hat die dabei gehaltenen Vorträge in einem Sammelband unter dem Titel „Mensch und Erde" herausgegeben. Keyserling selbst ist darin mit drei Vorträgen vertreten. Der erste stellt eine Art Einleitung dar. Er gibt das Thema der Tagung an und betitelt sich „Der sich wandelnde Planet als Einheit". Im Wesentlichen geht es hier um Fragen der psycho-physischen, der zeit-örtlichen, im Enderfolg kosmischen Zusammenhinge, die für alle» 100