Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Das Testament
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 73 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Else Schubert-Christaller: Das Testament den Boden. Im Mund aber hatte er eine Binse, daran führte ihn sein kleines Söhnchen, das auf seinem Rücken saß und eine kleine Peitsche schwang, schrill jauchzend, wenn das väterliche Pferd einen besonders kühnen Sprung machte. Da schämten sich die Gelehrten über sein törichtes und würdeloses Gebahren, und sie verbargen sich hinter der Haustür, damit er nicht merke, daß sie ihn so gesehen hatten. Rabbi Josua aber hatte sie bemerkt, und erschien gleich in der Tür, hochgewachsen und aufrecht, lud sie in sein Haus und fragte sie nach ihrem Begehren; sie setzten sich und er ließ sich das Testament zeigen. Alsbald versenkte er die eindringlich blickenden Augen in die Schrift, tiefer Ernst leuchtete von seiner hohen kahlen Stirn und er schien die ganze Welt ringsum zu vergessen. An seinen Knien aber lehnte sein kleines Söhnchen und sah staunend auf die schweigenden Gelehrten und auf den guten weinenden Jüngling. Doch auf einmal begannen Rabbi Josuas rote Lippen hinter dem glänzend schwarzen Bart leise zu lächeln, seine Stirn erheiterte sich, bis er laut und herzhaft lachte. Und er sprach: „Liebe Freundei Grad zur rechten Stunde seid ihr mit dieser Frage zu mir gekommen, denn den geheimen Sinn der Worte habt ihr vorhin bei mir gesehen. So meinte der Vater: sein Sohn soll erst erben, wenn er selbst Kinder hat Denn wenn der Mensch Kinder seines Blutes sieht, geberdet er sich wie närrisch vor Glück. — Und weislich hat der Verstorbene diese Bedingung gemacht: denn ein Kinderloser weiß weder richtig zu sparen, noch richtig auszugeben. Ein Kinderloser ist wie ein Gast in einer fremden Stadt, aber wer Kinder hat, der ist wie ein Mann in seinem Besitztum und seiner Heimat So ist auch bestimmt: ein Kinderloser kann nicht Richter sein, denn er kennt nicht die richtige Strenge und die richtige Milde. Eng ist des Menschen Herz gefangen im Kreis seiner Selbstsucht, aber in seinen Kindern wächst er über sich hinaus ins Weite, in Güte, Mitleid und Menschenliebe, imd wird erst dann, als was er geschaffen ist: ein Bild Gottes." Und Rabbi Josua lachte nicht mehr, sondern sein Gesicht strahlte wie das Gesicht eines Engels in hohem Ernst und großer Liebe. Danach sagte er: „Also gehe hin, o Jüngling, nimm dir eine Frau, und Gott schenke dir und allen Männern in Israel Kinder!" Rabbi Jehuda und Rabbi Jose staunten über die schöne Deutung des Testaments, und der gute Jüngling lächelte beglückt Rabbi Josua aber beugte sich nieder und liebkoste seinen kleinen Sohn. 73