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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
Date
1928-04-01
Page
22 (sequence 20)
Language
German
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Erläuterungen zu Tafel VII Mitte. Nassauer Sleiiizeugkrug aus der i. Hälfte des XIX. Jahrhunderls, Leihgabe des Stuttgarter Gewerbemuseums. Blau-graue glasierte Ware, in volksüblicher Weise dekoriert mit einem aus Zweigen gebildeten, von Tauben umgebenen Herzen. Im Herz die hebräische zweizeilige Inschrift: „Moscheh Segal, d. h. aus dein Stamme L-evi / für Pesach"; sie macht das an sich bescheidene Oslcrgerät zu einem Zeugnis des Einvernehmens von Bevölkerungsgruppen, die sich um so aufrichtiger achten, je sicherer eine jede in ihrem eigenen Sein beruht. Oben. Aus Marburg, landschaftlich Aassau benachbartem Gebiet, stammt die irdene tiefbraunglasicrle Chanukkalampe. Ihr gelber Dekor besieht aus zwei Sternen, die rechts und links neben einem Wedel stehen, einem gleichsam verschwindenden Schattenbild uralt mythischer Lebensbäume. Ornamentik und Farbengebung wahren den allgemeinen Charakter, der Zweck aller ist ein rein jüdischer: acht Ölbeckcn dienen so vielen Lichtern für die acht Tage des Chanukkaf estes. Links. Ein Messingblakerl für eine Kerze in klarem, etwas trockenem Louis XVI. Stil, jüdisch adaptiert durch die mit einer Segcnsformel schließende Schrift im Felde: Gemeinde Meimbressen. Der Ort, nach der Aussprache Meimreschem geschrieben — wie auf dien Vorhängen Haue für Hanau, Fuld statt Fulda —. liegt im Kreis Hofgeismar; die Wölfe von Gudenberg waren darin mit dem Landsassenrecht der Judenaufnahme begabt. Rechts. Eine Chanukkalampe, die (wie eine derbere aus der Zeit Wilhelms IX., um 1800) aus einem hessischen Gardemützenschild der Rokokozeit behutsam hergerichtet ist; der Umarbeitende hat die vorgebaute Unterlage der acht Lichtpfännchen sorgfällig auf die Mittelachse des Sterns gelegt. Das ist mehr Rücksichtnahme auf ein Ornamenl, als es gemeinhin Litzen- und Tressenauflagen auf den gemusterten Stoffen unserer Vorhänge und Thoramäntel sonst zeigen. Die Herrichtung dieses profanen Gegenstandes zu häuslichem Kult gebrauch zeigt die von allen blasphemischen Ängsten freie Sicherheit ihrer frommen gläubigen Benutzer. Sie stehen darin nicht fern von jenem Stifter eines Kasseler Thoramanlels von 1770, Elieser Rindel, der zwischen die Löwen, die sonst die Thorakrone flankieren, im Wappenschild unter der Krone den hessischen Löwen mit dem Nesseiblalt der Grafschaft Schaumburg — Rinteln! — eingesetzt hat; oder um ein entfernteres Beispiel zu nehmen, von dem Verfertiger jenes beschnitzten und umsäglen hölzernen Scdertellers in der Straßburger jüdischen Sammlung, der in das Sechseck, das die durcheinandergeslecklen Dreiecke des Davidsternes bildeten, den heraldischen Doppeladler des heiligen römischen Reiches mit geöffnetem Herzen gestellt hat. Unten. Den Beschluß bildet das an Reinheit der Form wohl höchststehende Gerät unseres Kreises (Sammlung Dalberg), der angeblich aus Franken stammende schmiedeeiserne Chanukkaleuchter. Vier konzentrische Bögen, unübertrefflich klar aus einer Tulpenblüte, dieser Liebüngsblume aller Bauernornamentik, herauswachsend, tragen die Lichlleller, deren jedem ein neues Blütenkelchlein aufsitzt. Dazwischen aufgerichtet der kräftige Vertikalmast, der die Bögen hält. Die Bögen sparsam mit einmal gefüllten Blüten belegt, Auflagen und Spitzen vergoldet, der Kronensamt in der Mittelachse rot gegen gold abgesetzt. Einzelheiten, wie Gesamtform datieren den Leuchter in den Anfang des XIX. Jahrhunderts. Er ist vollkommen in seiner Harmonie von Zweck- und Kunstform, ebenso entfernt von Kunstgewerbe wie von bewußter Kunst, er ist was er sein soll, schlicht vorhanden. 22

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