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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
Date
1928-04-01
Page
20 (sequence 18)
Language
German
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Erläuterungen zu Tafel VI Mitte. Sechsflammige Zinnampel mit Fortunasleinpel, der Schaft von gemäßigt barocker Baluslerform. Auf dem eingehängten Tropfteller die deutsche Inschrift des Stifters, Liebermann Goldschmidl 180G, in Ilschhausen (vielleicht demjenigen nahe W'ilzenhausen). Die hebräischen Worte um den Schaft nennen die Feste Pesach, Schewuaulh und Sukkauth. Ostern. Pfingsten und Laubhütten. Auf drei von den sechs Ölschalen stehen Figuren: nicht aber wie bei Zobels Hawdolohgerät die unteren Organe dos Gemeindedienstes, sondern Moses. Aron und Abraham selber! Moses charakterisiert durch die Hörner auf seiner Stirn und die Gesetzestafeln, Aron durch das hohepriesterliche Gewand und die Schriftrolle, Abraham mit dem Messer des Isaakopfers, dem ewigen Sinnbild letzter Opferbereitschaft. Rechts und links. Ausschnitte aus Kasseler wasserfarbcnbcmalben Wimpelbändern. Das rechte, vom Ende des XVIII. Jahrhunderts, weist den Namen des Vaters auf, dessen Sohn dieses Band beim eisten Besuch im Gotteshaus niederlegte, und ist der tierischen Ausblühungen seiner Buchstaben wegen gewählt, in denen — vielleicht unter dem überragenden Einfluß der Tierphantastik des Knorpelbarocks, vielleicht auch ausgelöst durch das Figurentreiben heimischer Bauernkunst — uralte, längst verdrängte Formenspiele wieder ans Licht treten. Die Farben sind blau, grün, gelb und rötliches Braun, die Zeichnung bald voll, bald nur gerandet. Weniger der Hirsch als der Storch verrät schon rein gegenständlich die norddeutsche Landschaft in dieser häuslich sakralen Arbeit. Wir wählen, seiner gradezu phantastischen Bemalung wegen, einen Wimpel von 1802 zur linken Abbildung. Er übertrifft an Dichtigkeit der figürlichen Füllung, an Farbigkeil und Artikulation alle anderen Bänder und ist ein wirklich klassisches Dokument der Verbundenheil hessischer Juden mit Hessen. Die reinen Farben, gelb, rot und blau, die Vögel, die Blumen zählen zu dem, was das ganze Land liebt, und tausendfach zeichnet, malt, schnitzt, was es l>egehrl, aufzieht, aus dem unendlichen Weltstoff wählt. Ich habe aber vom Wimpel zu sprechen. Da ist im ersten Abschnitt, den Aron und Moses innerhalb der Säulen und Randleisten rahmen, Kindes- und Vatersname enthalten: im zweiten zwischen Abraham und Isaak das Geburtsdatum, im Monat Elul. im Zeichen der Jungfrau. 1802 (daher der Webstuhl und die Spinnerin!). Im dritten Abschnitt der drei Wünsche: Gott möge den Knaben h-eranwachsenlassen zur Thura, zur Chuppa, d. h. dem Himmel, unter dem sich die Trauung vollzieht, und zu guten Werken — dies im vierten Abschnitt — stellt rechts der gekrönte, bärtige, blutrote Fürst der Hölle, ein geflügelter Teufel, links Jakob mit segnend erhobenen Händen, ersichtlich, wie alles auf diesem Bande, mit tiefem Bezug auf den Lebensweg, auf den das Kind nun hinauslri.lt, gemahnend zugleich an Versucher und Schutzengel. Schließlich im letzten Feld David, der Psalmensänger der guten Werke und hinter dem bekräftigenden Amen, Sela am Ende der Englische Wächter mit dem gezückten Schwert. Das Wort „Thora" hat der Schreiber zum Text auf einer geöffneten Gesetzesrolle gemacht, das Wrort Chuppa hat er unter einen Baldachin gestellt, der mit der Krone des ..Guten Nnnens". der gölllichen Herrschaft, bekrönt ist; beides herkömmlich aus der Tradition alten Geblüts. Unten. Schließlich aber sammelt sicli alles, wa> an Farbensympathien, an Kunstgefühl und an Volksglauben einerseits, an jüdischer Frömmigkeit und Innigkeit andererseits in diesen Menschen war, in dem mit erdliaftkräftigern Rot und Gelb und Schwarz bemallen MLsrachblatt, da* nach der fast zerstörten Schrift 1S20 von Jizchaq in Zierenberg bei Kassel gemalt ist. Diese Ostlafcl dient der Richtungsbestimmung beim häuslichen Gebet. (Slg. Dalberg.) Die Tafel, mit dem Wort: Osten-Aufgang beschrieben, steht auf achtarmigem Leuchtergcslell, leuchtend wie ein Leuchter. Um diesen Träger schweben zu beiden Seiten blutrote, bärtige, geflügelte Wesen, Verwandte des Fürsten Esaws auf obigem Wimpel. Daß es jedoch diesmal Engel sind, verraten die Schriftbänder, die schon hier, 5o Jahre vor der Reunertadresse. den christlich empfundenen Boten des HimmeLs die Botschaft abnehmen. Hier mit dem Psalmvers 91, 11: „denn seinen Engeln hat der Herr befohlen, Dich zu bewahren auf allen Deinen Wegen". Blaue Palmwedel darunter, Tauben mit Ölzweigen in den Schnäbeln darüber vollenden die fast pietistische Beschwichtigung, die diesem Blatte entströmt. Schön stehen oben im Giebel die Wrorte des Psalters (n3, 3): Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang wird gelobt der Name des Herrn. Sie sind der Schlüssel, der das Geheimnis ilieser leuchtenden Aufgangstafel erschließt. 20

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