Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 18 (sequence 16)
- Language
- German
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Erläuterungen zu Tafel V Oben. Hölzerne Bekrönung eines Thoraschreiiw ans der Synagoge von Rotenburg a.d. Fulda, dem Silz der Landgrafen von Hessen-Rotenburg (1627—1807), zugleich dem Ort, auf den der älteste erhaltene hessische Schutzbriel' Landgraf Ludwigs von für Meier von Frankenfurd und Sara sine Hussfraue ausgestellt ist. Die ..Krone der Thora". mit Bindebändern, die in Biodermeierverschlingung liegen, wird von zwei zähnebleckenden Löwen flankiert, denen ihre Herkunft aus der Heraldik auf der Stirn geschrieben steht. Ein Zapfen gestattet, die ausgesägte Bekrönung in den Architrav der Thoraschreinumbauung einzusetzen. Sie ist holzfarbig gestrichen, das Fell angedeutet, die Bänder sind rosa und hellblau, die Krone rot, gold und weiß. Der Löwe als Tier Judas ist in der jüdischen Symbolik heimisch, die Krone als Kopfbedekkung des Hohenpriesters, oder in weiterer Entfaltung in der Dreiheilt der Kronen der Thora, der Gottesherrschaft und des Priesterbums nicht minder. Die Komposition der Krone mit dem Löwen p a a r aber ist ihr fremd. Heraldik allein erklärt sie nicht, so stark diese, durch Hoheitszeichen und Münzgepräge, auch wirken mochte. Die Löwen kommen, so möchte man vermuten, auf einem anderen Wege zum Schrein: sie lagen wohl einmal, ehe sie sicli neben ihre Krone stellten, romanisch echt — und weile Perspektiven eröffnen sich hier ins altorienlalich-hetitische! — vollplastisch unter jenen Säulen, die die Aedicula des Schreines zu tragen hatten, so wie sie das romanische Titelblatt, des Raschikommentars der Wormser Synagoge zeigt, oder wie sie zum Ärgernis der Strengsten noch im XVI. Jahrhundert leibhaftig plastisch im Tempel des italienischen Ascoli lagen. Wären sie in diesem Sinne romanisch, so brauchten sie doch nicht romanisch empfunden zu sein. Sie könnten sehr wohl auch so, wie die Krone, das Brustschild und der Mantel des Hohenpriesters nun der Geselzesrolle ihre Würdigkeit verleihen, den Schrein als einen Thron der unsichtbaren Herrlichkeit flankieren! In Mainz, der Stadl des Erzbischofs, hat vor rund 100 Jahren auf einem Tempelvorhang noch die Krone der Kehunah die Form der Bischofsmütze angenommen. War nicht der fromme Glaube der, daß dieser Priester dos Neuen Bundes nichts anderes tragen könne als was dem Priester des Alten verordnet wäre? DalS seine Mitra noch die hohepriesterliche Form bewahre? Die Löwen, sagenhaft vertraute Wächter an den Stufen de» Thrones Salomos, wurden geschützt, solange da;> Auge erzogen blieb, sie lastentragend zu sehen. Als aber mit der logischslrengen Renaissance anstelle der Figuren Sockel die Säulen trugen, verloren sie, ästhetisch unbegründet und symbolisch unverstanden, ihren Platz. Sie wanderten aus und fanden sich zuseiten einer Krone wieder; nur kurze Zeit und der heraldische Stil hatte ihnen auch dort eine geschlossene Form geprägt, ein Hoheitszeichen, das über allen irdischen Hoheitszeichen stand: Keter Thora. Fast wirkt es wie ein tief aufdämmerndes Fortleben solcher uralten Säulen- und Thronsymbolik, wenn auf den Sockeln des totenschwarzen Vorhangs der Hanauer BegräbnLsbrüderschafl von 179S, dort wo einst Löwen königlich sich lagerten, nun die Sterne hessischer Orden aufgetragen sitzen, heraldisch-profanes durch Gläubigkeit geheiligt. Unten. Beschncidungsbank aus der Synagoge zu Volkmarsen. Die Bestimmung ergibt die Inschrift. Über dem linken Platz — der rechte dient dem Gevatter zum Sitzen — stehen die Worte: „dies ist der Thron des Propheten Elijahu, dessen zum Guten gedacht sei!" Wie bei dem Erinnerungsmahl an die Befreiung au^ dem Dienslhausc Ägyptens ein Platz am Tische freigehalten wird für den Propheten Elijahu. so wird auch hier für jenen .schicksalsschwangeren Moment, in dem über einem neuen Gliede der alten Gemeinschaft das „Gesegnet der da kommt" gesprochen wird, in ewiger Spannung auf den erbeteten Anbruch der Erlösung ein Platz freigehalten für den ersehnten Vorläufer des Messias. Rechts und darunter haben die Eltern, die die Bank stifteten, Namen und Jahr angegeben: das Jahr chronogrammalisch verhüllt in dem frommen Spruch: „die Gelübde des Herrn will ich erfüllen". Die Auflösung ergibt 1791 oder 1S21. Obwohl grade Hessen-Kassel eine Einfallspforte sowohl für den englischen Klassizismus wie für die englische historische Gotik in Deutschland ist (von denen beiden etwas in der Zeichnung darinsteckt), so scheint mir doch die steife Schmächtigkeit der Formen das frühere Datum für da> Bänklein auszuschließen. IS