Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 16 (sequence 14)
- Language
- German
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Erläuterungen zu Tafel IV Oben. Gesamtbild der von der Gesellschaft Humanität 1869 an A. Reunert überreichten Adresse, Bleisliftzeichnung, mit Pastell koloriert, wohl von dem als Xylographen bekannten Adam Rosenzweig. Mehr noch als Reu nerts Pokal mit dem Engel zeigt dieses zartfarbige Blatt die Angleichung der noch jüngst geschiedenen jüdischen Vorslellungswelt an die christliche Zeitform. Rieht bloß der Engel mil dem Spruchband, das den herrlich auf den ehrwürdigen Greis ausgewählten Spruch 1. Könige 3, 14 trägt, kommt aus den Himmeln der Romantiker — der träumende König Salomo selbst könnte den Führichschen Illustrationen der „Nachfolge Christi," des Thomas a Kempis entsprungen sein. Das Blatt, in den Farben blau, violett, grün, rot und hellem Braun, die Schrift gold, rol und schwarz, setzt die kulturelle Tradition der Adresse von 1792 mit ihren duftigen Rosenranken, ihren Blütchcn, dem prunkvoll kolorierten Staatswappen und ihrer sicheren Schriftzeichnung fort. Sie ist der falschen Romantik jüdischer Byzantinerrenaissance, wie sie selbst die gutgebaute Kasseler Synagoge von 1839 nicht hatte abschütteln können, aus dem Wege gegangen. Auf diesem Blatte liegt der Abglanz stiller später Residenzen. Und man erinnert sich, daß hier ein Landgraf, wenn auch nicht (wie der Fürst von Dessau, der sich in Wörlitz eine Rokokosynagoge mit erhobenem Fürslensilz schuf) Synagogen baute, so doch 1771 bis 1775 seiner Judenschaft den großen Hofarchitekten Simon Louis du. Ry zum Bau der neuen Synagoge zur Verfügung stellte. Da.«» war bisher wohl nur in Düsseldorf erhört worden, wo 1712 die Synagoge vom Hofarchitekten des Pfälzers erbaut war. du Rys Hilfe in Anspruch zu nehmen, fanden sich die Kasseler Juden nicht bereit. Sie behalfen sich noch 5o Jahre mit der 1760 mit landgräflicher Erlaubnis vom Sladlbaumeister Wolff von Grund auf umgebauten und erweiterten Synagoge in der Fliegengasse. Vielleicht verwanden sie es nicht, daß du Ry noch 176S bei seinen großen Bauprojekten für das entfestigte Kassel ein eigenes plalzförmig lichtes Judenquartier in der Oberneustadt zu errichten vorgesehen hatte. Unten. Gebelsfonnular in Aquarellfarben auf Pergament, aus dem Besitz der Landesbibliolhek Kassel. Der gleichlautende deutsche und hebräische Text ist gleichsam auf die von dem großen Staatswappen bekrönten beiden Gesetzestafeln geschrieben worden. Es ist ein „wöchentlich zweymaliges Gcbät in der Synagoge bey Aushebung der Tora für die Erhaltung und glückliche Zurückkunft des Landesfürsten" — aus der Campagne in Frankreich —, das die Brüder Moses und Susmann Abraham zu Kassel, Hof- und Cammeragenten des Landgrafen, am 2. IX. 1792 angeordnet hatten. Das sicherlich von einem Juden — 1790 lieferte Pinhas ein fürstliches Porträt auf einer Tabatiere an den Hof: kurz darauf schuf Büttner das schöne Porträt Josef Rinalds, 1808 schon zeichnete Overbeck seinen Studienfreund Wolf Rinald, der wieder des Vaters Bildnis für Ludwig Emil Grimm stach — geschaffene Blatt ist in Raumaufteilung, Farbe und Dekor ein Kleinod kultivierter Schriftkunst. Eine Pappkassette, mit wasserblauem Atlas bespannt und mit Süberhörte gerandet, hüllt das Pergament ein: vier Silberschnüre geben den Verschluß. Noch ein zweites Mal haben die titelreichen Brüder das Motiv der Gesetzestafeln ohne Vorwitz und Lästerung angewandt: auf ihrem purpurroten Thoravorhang, den sie mit ihren Frauen gemeinsam 179.1 stifteten. Mit völlig gleichlautenden, nur in den Namen differenziertem Inschriften erscheinen hier die beiden Süfterpaare. auf den zwei Tafeln, über denen sich ein Schriftband mit dem Psahnwort: Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen, durch die von der Thorakrone herabhängenden Quaslengehänge schlingt. Kein weiteres Wort belastet den Vorhang. Nur auf dem Überhang des Vorhangs erscheint über den von wachsamen Hähnen flankierten Gesetzestafeln und den Symbolen der vergangenen Tempelherrlichkeit in Silber gestickt der Schriflvers II. Mose a5r?.o: Und die Cherubim sollen ihre Flügel ausbreiten oben über her, daß sie mil ihren Flügeln den Gnadt-nstuhl bedecken. . . . 16