Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 14 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 81% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895477-2898648--02574-2898697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erläuterungen zu Tafel III Rechts Balsam- oder Psoinbüchse in Gestalt eine* Wachlturms, Silber, die Wappen. Zifferblätter, Fahnen und Profile vergoldeI. Aus dem alten landgräflichen Silberschatz. Die Wappen Georg I. von Henneberg-Schleusingen und der Johannet von Nassau deuten auf die einzige zwischen diesen Grafenhäusern geschlossene Ehe von 1^3. Aber unser Gerät isi um mehr als ein Jahrhundert jünger, wie die deutschen und lateinischen Tag- und Nachtuhren und die gravierten Putten erweisen, von den später eingesetzten gegossenen Arkebusiercn ganz abgesehen. Den Räucherlurm verraten Ofentüre und Gitterfenster. Zudem steht ein genaues Gegenstück von reinerer gotischer Ornamentierung. mit Fensterrosen anstelle der Uhren, jedoch ohne Soldaten und Stützlöwen in der Synagoge von F r i e d b e r g. Möglich, daß beide in der Wetterau entstanden, und der unsrige ein Geschenk der Schmalkaldischen Juden, die schon vor 1590 bezeugt sind, an ihr Grafenhaus ist. aus dem es dann deren Rechtsnachfolger, die? hessischen Landgrafen, erbten. In der Wetterau mit Friedberg und Münzenberg, wo Ii 88 die Mainzer Juden vor der ersten Kreuzzugsverfolgung Schulz fanden, wo der Münzmeister David saß, der sich neben seinem Herrn, dem Reichskämmerer Kuno, Barbarossas Freund, auf den Silberbrakteaten darzustellen wagte, lag ja jahrhundertelang ein Rückhalt und Kraft - Speicher hessischen Judentums. Friedbergs Judenbad von 12G0 — das Grünborger, das 1087 bereits der Stadt verfallen war, ist vergangen — ist das eindringlichste Zeugnis dieser starken Vergangenheit. Ganz Niederhesson hat ihm nichts an die Seite zu setzen. Unten und oben. Hawdolohbecher und Weinkamie aus der Kasseler Synagoge. Der vorzügliche Balusterfußbecher, silbervergoldet, ist eine Arbeit vom Ausgang des XVI. Jahrhunderts im Roll- und Schweifvverkstil der Nürnberger Meister Wechter und Flindl, mit dem Reichsadler. Türken- und Kinderköpfen in den Cartouchen. Einer der vielen Fälle, in denen kostbare profane Stücke allein durch Weihe und frommen Gehratich zum jüdischen Kullgeräl geworden sind. Weinkanne, feuervergoldetes Weißsilber. Straußeneikorpus nach mittelalterlicher Art, die es lieble, sich Seltenheiten der Natur in zierlichen Silberlnssungcn zu rei/.voll erhöhter Anschaulichkeit zu bringen. Hier machen die matte Zeichnung von Fuß und Deckel und der in Sheratonmanier hoch gezogene Griff stutzig. Nähere Untersuchung zeigt dann, daß die Scharnierbänder gar nicht ein Ei, sondern ein eif arbig emailliertes Blcchgefäß umspannen. Da aber ein ehrenwerter Kasseler Meisler der Kanne Beschau und Stempel (Kleeblaltwappen mit Jahrbuchstabe A 1S20 und WK Wilhelm Kompff?) aufgedrückt hat, so darf man wohl annehmen, daß er mit diesem Scheinbehältnis eine wirkliche Straußeneikanne des alten Gemeindebesitzes ersetzen wollte. Millen. Silberner Kidduschbecher im Stil süddeutscher Renaissancearbeilen, mit unbekannter Meistermarke (Vögelchen) und fraglichem Nürnberger N. Aus Sammlung Dalberg, Kassel. Der Becher mit seinen abwechselnd glatten und blumigen Treibbuckeln ist zweifelsohne zu seiner Verwendung als handfüllendem Segensbecher zugestutzt worden. Man hat seinen Schaft abgetrennt und die Schnittnarbe durch Einsetzung eines talergroßen Schekels verschlossen. Leider ist dieser Schekel Israel mit dem Kelch und der Aufschrift „heiliges Jerusalem" nicht echter als die Mehrzahl der Schekel, die sich in der Blütezeil des altteslamenlarisch orientierten Frühprotestantismus Fürsten und Herren, auch hessische Landgrafen, in ihre Trinkhumpen einsetzen ließen. Er hat aber dem prachtvoll die Hand ausfüllenden Gerät seine Glauliensrechlferf igung gegeben. Links Hawdolohgerät, Sill>er, von dem Meister des Hanauer Humpens, Jer. Zobel in Frankfurt vor 1781 gestempelt. Aus Sammlung Rothfels. Kassel. Über dem Schaft vierteilige Gewürzlade. Darüber vier einstische Stangen, die mittels einer verschiebbaren Klemmplatte ermöglichen, die Kerze, die am Sabbatausgang verlöscht wird, einzuspannen. Als Eckfiguren die niederen Gemeindebeamten: der Scliäcliter. der Mazzobäcker, der Schulklopfer und der Diner mit ihrem Gerät. Interessant an diesem wohl auf Bestellung entstandenen Slück ist die auf jüdischen Kunstdenkniälern in Deutschland nicht seltene stilistische Polyphonie: modernes französisches Bandclwcrk herainschcr Eleganz am Fuljwulsl, renaissancL'haf 1 klare Anordnung der Durchbruchrosetlen auf den Kaslenwäuden. golische Zinnenkränze über den Rahmen, letzlere nächslverwandl dem Friedborger Gegenstück des Ilennebcrger Turnichens. also alte Tradition für Hawd.»lohgerät '. 14