Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum Kassel
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 12 (sequence 10)
- Language
- German
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ErläuteritiKjcn zu Tafel II Mitte. Der 52 cm hohe Tafelaufsat/ gehört zum alten landgräflichen Silberschatz, in den er am 20. IV. 17S0 als Geschenk des Hof juden Feidel David an Friedrich II. gekommen ist. Solche Geschenke einzelner Juden waren nicht ungewöhnlich: Feidel selbsl schenkte im selben Jahr noch ein grünes Glas mit den Wappen der Reichsstände, die Proviantlieferantin Wittib Hertzin 17/jO, Medaillen. Und schon iG5C verehrten Maler Engelhard Scheffler dem Landgrafen ein gemaltes Köfferlein. Simon derJude zwei chrislallin Leuchter als Neujahrsgeschenk. Von allem derartigen ist — außer einer silbermontierten Bergkrislallflasche, die Wilhelm IV. i")88 von Gottschalk Jud Ecksleiner aus Witzenhausen erstand, nur dieses Prunkschii'f, auf dem einst eine breite Halbmondflagge wehte, übriggeblieben. Das Schiff mit seinem prächtigen Gallionsbild und seiner farbenreichen bewaffneten Besatzung ist von Joh. Ad. Kienlein in Ulm, der 1691 starb, gestempelt. Der Fuß mit dem Hirsch und dem von ihm gehaltenen Schild mit den Prälaien-, Ritter-, Stadl- und Landwappen muß später daruntergesetzt sein; der Stempel C ist unbekannt. Was den Agent de la cour zu diesem Geschenk bewog, dürfte aber gerade die in ihrer Symbolik durchschaubare Verbindung des reich beladenen Levantefahrers mit dem Spruch gewesen sein, den er auf der Innenseite des allegorischen Wappenschildes vom Lehr-, Wehr¬ und Nährstand, zugblich mit dem Datum. i~5rt. vorfand: Vivat, der die Handlung ehret, und der dem das Schiff gehöret dann er hat die volle Ladung, so das Schiff mit hergebracht, mir dem frohen Vivatruffer gantz alleine zugedacht! Rechts. Silberner, 34 cm hoher, auf einen Sockel gesetzler Humpen aus dem Besitz der Gemeinde Hanau. Im Gegensatz zu dem Prunkschiff, das an sich selber keinerlei jüdische Bedeutung hat, ist dieser herrlich geschwungene Humpen zu jüdischem Gebrauch gefertigt. Um so beachtlicher, daß er sich in Gestalt und Dekor, vielleicht selbsl im Gebrauche der Formen der Umwelt bedient und ihren Sitten anschließt. Die gravierten Kreise mit ihrem Mittelbild — Menschen, Tiere, Geräte, eine Silhouette von Amsterdam — und ihrer hebräischen Randschrift, die je einen Namen enthält, sind deutlich ein Nachhall barocker deutscher Münzhumpein mit ihren eingesetzten Talern. Nach dem Text um die Lippe ist der Becher eine Stiftung der frommen Brüderschaft in Hanau für ihre Festmahle. Er ist fast öo Jahre älter als der Mainzer Chcwrahbrcher, der 1760 erstmals in die Runde ging: die Inschrift datiert ihn auf 171G. Meister ist nach dem Stempel Jeremias Zobel in Frankfurt. Da die Becherwandung nicht genügte, die Namen aller Mitglieder aufzunehmen, hat man im XIX. Jahrhundert unter die schlichte Ausschwingung des allen Pokals einen bedenklich schweren und vielteiligen Untersatz geschraubt. Auf ihm sind die Narnensgravierungen dann mit 1893 zum Slills-tand gekommen.'" Links. Innen vergoldeter Deckelpokal, 4i cm hoch, aus dem Besitz der Krankenpflegebrüderschafl Kassel. Nach Inschrift Geschenk der Brüderschaft an ihren ersten Vorsteher Reunert zu dessen hundertstem Geburtstag, 11. V. 1869. Die schöne Kasseler Arbeit zeigt, wie sehr schon ein halbes Jahrhunderl nach der Emanzipation ein von Juden für Juden bestimmtes Gerät sich der allgemeinen ästhetischen Bewegung einordnet, während das XVIII.Jahrhundert hindurch die jüdische Kunst gleichsam in Synkopen hinter dem Phasengang der freien Entwicklung einherschrilt. Der neugotische Pokal mit dem Engel als Friedensboten almet den Geist der Nazarener. Bedauerlich, daß er keine erkennbare Stempelung trägt— ein jüdischer Goldschmied dieser Zeil, Rieberg. ist mit silbernem Beschneidungsgerät in der Sammlung vertreten —: vielleicht hängt das mit der nicht eben sehr handwerkstreuen Arbeit zusammen. Denn von schwerem Silber ist allein das Gefäß; Fuß, Deckel und der um das aushebbare Gefäß sich schmiegende Maßwerkkorb sind von weißlichem Silberblech und ahmen die alte Schönheit gotischer Treibarbeit nur äußerlich nach: historische Kunst! 12