Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- Universalismus und Toleranz im Judentum [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 645 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895474-2898455--02486-2898592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
UniversalLsmus und Toleranz im, Judentum Fremde wart ihr in Ägypten", so tritt diese Lehre zwar zu einer geschichtlichen Begebenheit in Beziehung, sie zieht aber ihre Geltung nicht aus ihr, sie ist folglich „universal". So scheiden sich im Judentum, offensichtlich aber auch, wie Guttmann mit Recht betont, in allen anderen geschichtlichen Religionen, die beiden Bestandteile des „Kultes" und der „Moral"; der Kult ist seinem Wesen nach partikulär, die Moral stets universal Und das Judentum ist sich dessen mit voller Klarheit bewußt gewesen; es war „unduldsam" in Bezug auf seine Moral, sofern es allgemeine Geltung von ihr verlangt, wenn es auch nur sehr vereinzelt gewaltsame Maßnahmen zu ihrer Durchführung ergriffen hat, dagegen duldsam im weitesten Sinne in Bezug auf den Kult Diese Unterscheidung ist namentlich auf bekannte talmudische Äußerungen begründet und daher als solche natürlich nicht neu. Sie findet sich im wesentlichen bereits bei Moses Mendelssohn, der freilich im Geiste der Aufklärung die Notwendigkeit und den Wert der partikulären Vorschriften verkennt, deren Zusammenhang mit den universellen Guttmann voll gerecht wird; sie findet sich auch in den erwähnten Briefen Benamozeghs an Palliere. Neu aber ist die Veranschaulichung des Rechtes dieser Unterscheidung an dem von Guttmann gewählten Beispiel und vor allem die höchst energische Verfolgung des Grundgedankens durch die verschiedenen Stufen der jüdischen Geschichte hindurch. Folgt man Guttmann auf diesem Wege, so ergibt sich vielleicht eine weitere Verfeinerung des Ergebnisses; der von ihm nicht ohne Vorbehalt angewandte (S. 2 3i, 4) Begriff des „Moralischen" erscheint einer Unterteilung bedürftig; es stellt sich heraus, daß wir zwischen Ethischem, monotheistischer Grundlehre und Kultischem zu scheiden haben, im Sinne der Bibel, des jüdischen Hellenismus, des Talmud und der Religionsphilosophie. Das biblische Judentum verlangt unzweifelhaft die Anerkennung sittlicher Grundsätze von allen Menschen. So oft Gott Völker oder Einzelne zur Rechenschaft zieht, geschieht es ausschließlich wegen Roheit, schwerer Unsittlichkeit und dergleichen. Die Innehaltung kultischer Vorschriften wird höchstens von solchen Einzelpersonen gefordert, die sich dem Verbände des Judentums im engeren oder weiteren Sinne anschließen wollen. Zwischen beiden steht aber der monotheistische Glaube. Die Hoffnung, daß einmal alle Völker sich zu dem einen Gott bekennen werden, spricht die Bibel unzweifelhaft aus; insofern ist der biblische Monotheismus universal und „unduldsam". Aber die Forderung, daß die Heiden schon jetzt ihre Götter aufgeben, wird 645