Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 548 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen ment echten Menschentums: als solches weckt es und wirkt es zum Guten. Wer so viel Scheinhaftigkeit aufdeckt, wer die Menschen dahin bringt, die sachlichen Notwendigkeiten des modernen Lebens in Politik und Wirtschaft zu sehen, der hebt die Willensziele über das kleinliche Getriebe des Alltags hinaus. Das erkennt man auch an der Art, wie Diesel die Judenfrage behandelt. Einige Sätze (p. 26g) seien hierher gesetzt: „Viele unter uns fühlen sich in unsrer modernen Welt verstört und befremdet; dieses Fremdheitsgefühl, gepaart mit gewissen Ähnlichkeiten zwischen unsrer abstrakten Welt und einigen jüdischen Kennzeichen, und das ewig menschliche Bedürfnis, anschauliche, persönliche Träger für unpersönliche Verhängnisse mit Verantwortung zu beladen, ließ die These groß werden, die Unseligkeit unsrer modernen Welt sei eine jüdische Unseligkeit, ja, unsere moderne Welt sei eine Judenwelt, Amerika sei ein Judenland usf. . . Aber stünde Amerika mit seinem New York, mit Morgan, Vanderbilt, Astor, Rockefeiler, mit seiner1 maßlosen Mechanisierung und Schabionisierung nicht auch ohne Juden ganz ähnlich da wie heute? Hätten wir ohne Juden keine Börsenspekulation, keine das Menschliche bedrohenden ungeheuren Betriebe, keine Arbeiber-i ausbeutung, keine Hochzüchtung bedauernswerter Prolelariermassen, keine unfruchtbare, verhängnisvolle Geheimpolitik, keine Rekordsucht und Maschinenvergölzung, keine Rotationspressen und keine — geistige Zersetzung und Krise? Seien wir ehrlich, gestehen wir Nordländer es nur ein, suchen wir keine Sündenböcke für eigne Verfehlungen: Die Hauptkrise, das Hauptwirrsal unsrer Zeit ist *n o r a i s c h. ... Die Juden haben nicht, vermittels Bank, Börse und Presse, die moderne Welt geschaffen, sondern die andern haben eine Welt erschaffen, in der Bank, Börse und Presse sich ergaben, und das zu einem Zeitpunkte, zu welchem durch die Emanzipation der Juden die jüdische Energie frei wurde und mit aller Wucht in die Kanäle und Möglichkeiten drängte, welche damals für die Juden offenstanden." J. Goldstein. Clementine Krämer: „Die Rauferei", Verlag G. Kiepenheuer, Potsdam, Preis Mk. 2,5o. Das kleine Buch der in den Kreisen der jüdischen Frauenbewegung bekannten Verfasserin — ein stilistisch und psychologisch typisches Frauenbuch übrigens — möchte seiner äußeren Form nach auf den ersten Blick manchem als anspruchslos erscheinen. Aber was ist groß und was ist klein? Wäre Johann Peter Hebel „bedeutender", wenn er ein vielbändiges) Romanwerk hinterlassen hätte? Und gerade an den Geist Hebelscher Schriften, aus dessen alemannischer Heimat auch die Verfasserin stammt, fühlt man sich bei der Lektüre der „Rauferei" erinnert. Unter Bauern und Halb-Bauern sich abspielendes, beispielhaftes Begebnis, alles Psychologische immer mit einem kleinen Tendenzlein durchzogen — es ist ein Geist kluger, volkstümlicher Lehrhaftigkeit, von dem das ganze Genre lebt. Schade, daß stellenweise die für die Feinheit des inneren Vorgangs doch etwas zu rustikale bayrische Mundart gewählt wurde; die humane Art des deutschen Südwestens, aber durchsetzt mit dem „Mousseux" einer gut- und alt jüdischen „Jagd nach dem Frieden", eines Nicht-Widerstehens rein um des Friedens willen, das ist das geistige Klima, aus dem heraus die kleine Novelle geschrieben ist. C. Dieser Nummer sind beigefügt Prospekte von den Verlagsanstalten Dunker &. Humblot, München; I. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen; Literarische Anstalt Rotten & Loening, Frankfurt am Main. 548