Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 547 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen (geb. 1857. gest. 1923), von dessen Lebenswerk, „Gesamt-Wörterbuch der alt- und neuhebräischen Sprache", im Langenscheidtschen Verlage bisher 7 Bände (Alef-Nun) erschienen sind. Die Familie Ben Jehudas war die erste hebräisch sprechende Familie der Neuzeit. Heute sprechen von der rund 160000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung Palästinas 800/0 hebräisch. Fast 1000/0 verstehen die Sprache. Die theologischen wie auch die Unguis tischen Grammatiken und Lehrbücher der Bibelsprache reichen für die Kenntnis und das Verständnis dieser fortentwickelten Sprache nicht aus. Wer heute den hebräischen Essayisten-Philosophen Achad Haam oder den hebräischen Dichter Bialik oder eine palästinensische Tageszeitung (es gibt deren in Palästina drei) in hebräischer Sprache auf Grund seiner aus den theologisch-linguistischen Lehrquellen geschöpften Kenntnisse lesen wollte, würde sehr enttäuscht sein. Hierzu sind Speziallehrbücher notwendig. Das erste beachtenswerte Werk in deutscher Sprache auf diesem Gebiete ist das vorliegende Buch. Der Verfasser hat die Ergebnisse der modernen hebräischen Linguistik in einer Weise verwertet, die das Buch keinesfalls als bloß „wissen-, schaftlich, d. h. schwer zugänglich erscheinen läßt, sondern vielmehr den Bedürfnissen der Lernenden aus allen Kreisen Rechnung trägt. Dies geschieht durch systematische Folge gediegener Texte mit zahlreichen etymologischen und stilistischen Erläuterungen, die leichtfaßlich bestrebt sind, in den Geist der neueren Sprache einzuführen. Methodisch ist das Buch als ein gelungener Ausgleich zwischen der textlichen Langenscheidt-Brief-Methode und den grammatischen Schullehrbüchern anzusehen. Die Texte sind inhaltlich zusammenhängend (teils vom Verfasser, teils im Original aus der Literatur), jedoch auch nach grammalischen System geordnet. E.Rand. Eugen Diesel: Der Weg durch das Wirrsal. Das Erlebnis unsrer Zeit. Zweite durchgesehene Auflage 1927, J. G- Cottasche Buchhandlung Nachf. Stuttgart und Berlin. 285 Seiten. - Brosch. 8.5o Mk. Aus diesem Buche spricht eine Persönlichkeit, die der Lande viel gesehen und hineingeschaut hat in das Wirrsal dieser Epoche. Überall lebt der Mensch nicht mehr ein unmittelbares Leben. Ihn umfängt ein abgeleitetes, mittelbares, verlangtes Dasein, das mit einem dichten Spinngewebe von Abstraktionen überzogen ist. Die Stimmung ist nicht neu. Man kennt sie aus Nietzsche und Rathenau. Was aber neu und erschütternd wirkt, das ist die Fülle der Tatsachen, die Diesel vor uns ausschüttet, das ist die leidenschaftliche Empörung, die der Darstellung einen hinreißenden Schwung gibt, wenn man auch hier und da gestört wird durch einen allzukrassen Expressionismus des Ausdrucks. Man spürt: was hier gesagt und geschildert wird, ist das Erlebnis unserer Zeit, wie es ein im tiefsten verwundeter edler Geist erfahren hat. Eugen Diesel ist aber nicht ein Rousseau, der Rückkehr zur Natur predigt. Diesel bejaht die moderne Technik, bejaht die Wissenschaft. Was er über die Bedeutung des Maschinenwesens ausführt, gehört mit zum besten, was ich über diesen Gegenstand kenne. Die Kräfte, die moderne Technik entfesselt haben, sollen dem Leben wieder dienen. Wie das zu geschehen hat, wie die moderne Menschheit den Weg zu den reinen Kräften der Unmittelbarkeit wiederfinden soll, das deucht mir, wird aus dem Buche nicht ersichtlich. Ich möchte dem Verfasser damit keinen Vorwurf machen. Er verwahrt sich selbst in der Vorrede dagegen, daß er für eine bessere Weltgestaltung kein Programm geben kann. Aber schließlich tut er es doch. Tut es schon in dem einleitenden Kapitel', wo er das Griechentum als Ideal gegen das christliche Mittelalter setzt, tut es auch in den stark von Nietzsche beeinflußten Schlußkapiteln. Das ist wohl reizvoll als persönliches Be-» kenntnis, reicht aber nicht in die Tiefe des Weltschicksals hinab. Dieses kann nur, wenn überhaupt, aus letzter religiöser Sicherheit von innen her überwunden werden, wozu; allerdings die Als-Ob-Philosophie Vaihingers oder Nietzsches nicht verhelfen können. Diesel sieht wohl die Verzerrungen der historisch überlieferten Formen der Religion, aber es ist ihm weniger gegeben, das, was an Positivem und Echtem in diesen Formen lebt, zu erkennen. Es gibt Stellen in dem Buche, die ob ihrer aufklärerischen Gesinnung geradezu peinlich wirken (p. 2/16 u. 2 .'18.) Was aber auch an Unzulänglichkeiten dem Verfasser vorzuhalten ist, — sein Buch ist ein Doku- 547