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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 545

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
[Rezension] / Michel, Wilhelm
Date
1927-12-01
Page
545 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Anzeigen Ludwig Strauß: Ruf aus der Zeit. Verlag Lambert Schneider, Berlin-Dahlem, 1927. Mk. o,5o. Hat hier wirklich Einer den Atem gefunden, mit dem sich eine echte Klage und eine echte Zuversicht aus der Zeit in den Himmel heben läßt? Die Rufstimme, die wirklich von der Fülle unsres Elends geschwellt ist und die ernsthaft trägt, über die Erde hin und ans Tor der Wolken? Ich bin nicht sicher; und dies aus einem glückhaften Grund- Denn diese sieben Seiten Verse sind mir, schon als ich sie in der „Kreatur" las, sehr nahe gegangen, und es kann sein, daß die Freude mich täuscht; die Freude, die daher kommt, daß Ludwig Strauß so genau getroffen hat, was bisher nur in Erörterung und Reflexionen ausgesprochen worden ist. Hier geht ein Mensch aus von einer frühen Gottesliebe; das ist jene erste Ruhe, die nach Jugendkämpfen sich in das Nennen und Bekennen Gottes bettet. Aber dann überfällt ihn die Wildheit der Zeit und bricht in die einsame Seligkeil ein. Er sieht in der Zeit den Zorn; auch er von Gott, auch er zum Durchleben bestimmt. Da merkt er: Der frühe Frieden gilt nicht. Diese ganze verwilderte Welt muß mit in die Versöhnung, sonst ist auch er, der Einzelne, verdammt. Groß tut er da seine Augen auf für das Irrsal, in dem wir leben; hart hält er sich dessen Bild vor: wir nennen nichts, aber auch nichts unser eigen als die heilige Not, den unlöschbaren Durst, den Schrei, der Gott zum Herzen dröhnt. Diesem jammervollen Befund stellt er das Wunschbild einer möglichen und nun allumfassenden Versöhnung entgegen: alle Hände müssen sich zum Kreis finden, dann nur werden Gottes Hände den Ring schließen. Und jetzt erst, nachdem dies alles klar gesehen ist, darf auch die Zuversicht in die Welt gesagt werden, daß Gott Flut aus Stein schlagen wird, ehe unser Hals verdorrt. Bis dahin aber gibt es nur dies: ,Jßh' wir von Schultern tun das anvertraute Leid — Eh' rieht am Wegrand uns ein elend Ende! — Laß hungern uns im Brot, laß frieren uns im Kleid — Laß sehnen uns im Kuß, Herr, bis zur Wendel" Ich weiß niemanden, der die Spannung des geistigen Menschen von heute klarer und schöner ausgesprochen hat, diese Spannung zwischen dem möglichen Frieden und der Notwendigkeit des Ausharrens, zwischen dem Erblicken des Zieles und dem entschlossenen Verzicht auf jeden eilfertigen Weg zu ihm. Wilhelm Michel. Hugo Preuß: Staat, Recht und Freiheit. Aus 4o Jahren deutscher Politik und Geschichte. Verlag von J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1926. 588 Seiten. Frau Hugo Preuß hat die wertvollsten und charakteristischsten Aufsätze ihres Mannes zu einem stattlichen Bande vereinigt. Preuß' Aufsätze stellen in ihrer Gesamtheit einen Querschnitt durch die vergangenen Jahrzehnte der inneren Geschichte Deutschlands dar, wobei die Entwicklungslinie, die, wie er selbst einmal feststellt, von der Städteordnung über den Verfassungssaat zu der nationalen Organisation des deutschen Volkes führt, die Abfolge der behandelten Probleme bestimmt hat. Ihrem Inhalte und ihrer Tendenz nach bilden die Aufsätze eine Auslegung und Deutung von Hegels tiefsinnigem Worte: „Deutschland ist der gesetzte Widerspruch, daß ein Staat sein soll und nicht ist." Den Staat, der sein sollte, sah Preuß in dem auf demokratischer Basis errichteten nationalen Einheitsstaat, während er den Staat, der nicht war, in dem unter preußischer Hegemonie stehenden kaiserlichen Deutschland erblickte. Demnach gliedern sich seine Aufsätze von selbst in zwei Hälften: oppositionell ist 545

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