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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 444

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Lasalle's letzte Tage
Date
1927-10-01
Page
444 (sequence 2)
Language
German
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Erna Buschmann Liebknecht nacheinander vergeblich bemüht; bis 1868 dann die älteste Vorlauferin der Britschgischen Arbeit „Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalle's" von Bernhard Becker erschien. Weitere Veröffentlichungen von Helene von Dönniges (1879 „Meine Beziehungen zu Ferdinand Lassalle"; 1909 „Von anderen und mir") von Poschinger, Hans von Bülow usw. sind ebenso unbefriedigend ausgefallen wie jene. Erst die Britschgische Arbeit ist eine Zusammenstellung sämtlicher ungekürzter und zum Teil noch unveröffentlichter Briefe und aller Berichte mit dem Wesentlichen ihres Inhaltes, die sich auf die Vorbereitung und die Katastrophe selber beziehen. Daß damit eine Arbeit von Wert geleistet worden ist, braucht nicht besonders betont zu werden; der Wert liegt begründet in der Persönlichkeit, um die sich die Briefe und Berichte gruppieren. Er ist nicht allein bedingt durch die historische Position Lassalle's — wenn diese auch bereits die neue Publikation rechtfertigen würde —, sondern durch die Bedeutung des Menschen Lassalle, der, viel geliebt.und noch mehr angefeindet, uns hier mit seiner menschlichsten Seite entgegentritt; mit einer rücksichtslosen Offenheit und einer so leidenschaftlichen Wucht der Empfindung, daß seinen letzten Tagen als ungewöhnliches Dokument seltenen Erlebens eine von allen sonstigen Bezügen losgelöste Bedeutung zugebilligt werden darf. Daß die Arbeit die Briefe nicht chronologisch bringt, sondern in der Reihenfolge, wie sie Lassalle empfing, und wie sie ihre Wirkung ausübten, erhöht ihre Eindringlichkeit. Die Beschränkung der Erläuterungen und Erklärungen auf das zum Verständnis Notwendigste ist ein pietätvoller Verzicht auf Minderung der „Kraft und Größe" der Originale. Wir erhalten durch diese Anlage ein unverwischtes, klares und knappes Bild der Vorgänge, die die verhängnisvolle Situation gestalteten und die Katastrophe unvermeidlich machten. Die ersten Briefe gehen zwischen Lassalle und der Gräfin Hatzfeldt hin und her. Sie zeigen ihn krank, mißmutig, einsam, bei tagelangem, strömendem Regen auf Rigi-Kaltbad. Zu dieser Lage bildet die Stimmung gegenüber seinem Lebenswerk das passende Korrelat: „Ich bin der Politik müde und satt! — — — — Zum Kinderspielen bin ich — — zu alt und zu groß!----Die Ereignisse werden sich, fürcht' ich, langsam, langsam entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und chronischen Prozessen keinen Spaß. Politik heißt aktuelle, momentane Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus besorgen." In der Tat war die letzte Zeit seines Lebens eine Aufeinanderfolge von Enttäuschungen und Mißerfolgen; die „große Bewegung", auf die er gehofft hatte, blieb aus, und seine Gesundheit wurde zunehmend schwankender. Es mußte etwas anderes und Neues in sein Leben treten, um ihn wieder hoffend zu beleben. Helene von Dönniges traf darum die Situation gut vorbereitet, als sie. wie der Brief vom 27. Juli i864 an die Gräfin berichtet, durch ihren Besuch bei Lassalle versuchte, aus der flüchtigen Berliner Bekanntschaft eine lebenbestimmende Angelegenheit für ihn zu machen. Lassalle überläßt sich seinem Stern: „Ich kann nicht mehr zurück, und dann wüßte ich auch wahrhaftig nicht, warum ich es sollte. — Die Brandung faßt mich, ist's mir zum Heil? Reißt mich nach oben?" 444

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