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Der Morgen · 1927-08-01 · Heft 3 (August 1927) · p. 335

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (August 1927)
Article
Über die Scham
Date
1927-08-01
Page
335 (sequence 5)
Language
German
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Über die Scham selber als Erwachsene das Kind in uns. Wer deshalb versucht, seine Lebenserfahrung und Lebensweise andern gewaltsam aufzudrängen und im Bruch mit allem Herkömmlichen rücksichtslos zu propagieren, der muß gewärtig sein, Ärgernis zu erregen. Auch dürfte die Frucht seiner Tätigkeit eine große Enttäuschung für ihn werden. Reife läßt sich nicht erzwingen, und altkluge Kinder sind noch keine Erwachsene, leider auch keine Kinder mehr. Wer seiner selbst sicher ist, braucht keine fremde Unterstützung. Krampfhafte Bemühungen um Nacktkultur sind deshalb verdächtig. Sie verraten den tiefen Unglauben ihrer Anhänger an die eigene Sache. Der Gläubige ist auch der Geduldige. Er weiß, daß jede Saat in der Stille reift. Gedanken zu Prousts „Weg zu Swann" Von Else Meidner In literarischen Zeitschriften und Tageszeitungen erscheinen vielerlei Aufsätze über Proust, aber die meisten gehen am Charakteristischen dieser Kunst vorbei, aus Unkenntnis oder auch aus Gesinnungsmotiven, wie z. B. eine eben veröffentlichte Arbeit von Toth, der in dem Wunsch, das deutsche Volk vor Ungesundem zu schützen, dem großen Künstler Protzentum und sogar Wanzenhaftigkeit nachsagt. In der Wüste solcher Mißverständnisse sind die Worte von Curtius wie leuchtende Oasen, sie erschließen das komplizierte Romanwerk genial, wenn sie auch den Schlüssel nicht nennen. Diesen Schlüssel nach Prousts eignen Methoden zu suchen, ist eine noch unerfüllte Aufgabe. Der „Weg zuSwann" ist ein Erinnerungsbuch, aber anders wie sonstige Jugend-, Reise- und Kriegs-Erinnerungsbücher oder Memoiren von Staatsmännern, Gelehrten, Künstlern und Erfindern. Solche Erinnerungsbücher handeln von dem tatsächlichen Vorgang der Erinnerung eines bestimmten Menschen, z. B. das bekannte Buch „Jugenderinnerungen eines alten Mannes" von den tatsächlichen Erinnerungen eines Herrn v. Kügelgen; sie bringen also Einzelheiten, Gesondertes aus der Wirklichkeit. Der „Weg zuSwann" aber handelt von etwas Allgemeinem, das den Rahmen der Wirklichkeit bereits verlassen hat und nicht mehr nur durch psychologische Erfährung zu fassen ist. Er handelt auch nicht von den zufälligen Erinnerungsvorgängen einer bestimmten Person, sondern hier lebt ganz unpersönlich das Wesen der Erinnerung selbst, während der sich erinnernde Mensch gleichsam im Hintergrund verschwindet. Wer diesen Unterschied zwischen dem einzelnen Zufällig- Tatsächlichen und dem allgemeinen Notwendig-Wesenhaften aber nicht zu erfassen vermag, der kann äußerlich die Sachlage schon an dem Dunkel merken, das um die Person des Helden ist. Man erfährt nicht einmal seinen Namen, hört nichts von seinem Alter, seiner sozialen Stellung und seinem Beruf, ja selbst der Charakter, dieses wichtige Moment des Romans, 335

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