Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-04-01 · Heft 1 (April 1927) · p. 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 1 (April 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-04-01
Page
126 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895469-2897654--01823-2897801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Besprechungen und Anzeigen Heines witzige Ergiebigkeit in allen Lebenslagen ist einzigartig; Houben nennt ihn den reichsten Sprecher unter allen Dichtern des 19. Jahrhunderts. Der Witz, die Kennmarke dieses Genies, sprudelte am frischesten und sauste schlagkräftig in der Wechselrede von Mensch zu Mensch. Die Gegner fürchteten diese spitze Zunge, schon der krasse Bruder Studio wirkte unter den Freunden wie der Funke ins Pulverfaß. Hamburg, Berlin, München, Paris — wohin Heine kam, da blühte di« Anekdote, in Kunstform geprägt; die Freude ebenso wie die Schadenfreude ließen diese Feuerwerksfrösche weiter springen. Und ab der Ärmste zehn entsetzliche Leidensjahre lang abstarb, da wurde das in allen Feuern leuchtende Gespräch die mit Blut und Tränen erkaufte Verbindung mit der schönen, fernen, närrischen Welt. Wer Heine nicht in diesen mit Pose und ohne Pose sich gebenden Gesprächen belauscht hat, der kann den Mann mit seinem Widerspruch nicht verstehen. Der Sammler tut nichts, um die einander graß ausschließenden Urteile der Sprechenden irgendwie auszugleichen; er tut alles, um in eherner Objektivität sein Amt als unbestechlicher Sachwalter zu üben. So kommt kein ausgeklügelt Buch zustande über den zerrissenen Selbstsucher, der immer hinter sich her war, und der sich doch niemals einholte .. . Ich spüre nicht die leiseste Lust, Heine anzuklagen oder zu rechtfertigen. Denn die große Gesellschaft wie die kleine haben reichlich so schwer an Heine sich versündigt, wie er sich gegen andere verfehlen konnte. Er schleppte sich dahin unter dem Fluch seines Blutes, seines engeren und weiteren Heimatlandes, seines unzuverlässigen Körpers, seiner Disharmonie zwischen der genialen Begabung und seiner zuchtscheuen Charakterschwäche. Die Naturlaute in seinen besten Liedern und das dramatisch Gestaltete in seinen besten Balladen machen Heine unsterblich. Der ganze Heine mit seinem Geist und seinem Gift bleibt ein unabgebautes Bergwerk, in dem noch Generationen Schätze zutage fördern werden. Friedrich Hebbel nannte ihn i843 einen tiefen, wahren Dichter, „der sich nicht bloß auf gut Glück ins Meer taucht, um einige Perlen zu stehlen, sondern der unten bei den Feen und Nixen wohnt und über ihren Reichtum gebietet. Ich glaube, er ist der unerbittlichste Feind aller Mittelmäßigkeit, auch der wahrhaft poetischen, die es zu nichts bringt, aber die Kraft weiß er zu respektieren." Und dieser göttliche und teuflische Dichter ist linksseitig so gelähmt, daß er (i845; er starb erst 56!) Levin Schücking sagte: „Ich muß, wenn ich Sie sehen will, dies Lid mit dem Finger in die Höhe schieben"; auch lasse ihm das Kopfweh nur selten eine Stunde zur Arbeit. Fanny Lewald darf man beistimmen, die Heines Verehrung Napoleons nicht als undeutsch empfindet und nicht mäkeln mag mit dem Kleinmaß des beschränkten Patriotismus, wo ein Dichter dem Genie des Jahrhunderts huldigt in dem, was er Großes geschaffen und gewesen, ohne sich an die Mängel zu halten, die jeder kenne. Gerade so sei es im Falle Heine! Theodor Kappstein. S. Rothschild: Die Abgaben und die Schuldenlast der Wormser jüdischen Gemeinde i 563 bis 1 8 5 4* Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Worms mit zwei Briefen des Stadtarchivars Professor Dr. A. Weckerling Worms 1924. 43 Seiten. Moritz Spanier: Geschichte der Juden in Magdeburg. 1923. 47 S. Druck u. Verlag von L. Sperling & Co., Magdeburg. Zwei wertvolle Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte der deutschen Juden. Rothschild, dem wir so manche gediegene Veröffentlichung über die Wormser Judengemeinde verdanken, gibt in der vorliegenden Schrift Auszüge aus Akten, die teils dem Archiv der israelitischen Gemeinde Worms, teils alten, wieder aufgefundenen „Bruchstücken" entstammen. R.hat die Teile mit kundiger Hand zu einem anschaulichen Ganzen zusammengefügt. „Wie die Bewohner der Halligen, wenn ihre Wohnstätten von den Meeresfluten hinweggespült, immer wieder dahin zurückkehren ... so kehrten die Wormser Juden, wenn vertrieben, immer wieder zu ihrer Synagoge und zu ihrem Friedhofe zurück ..." Der gleiche Geist durchweht die gediegene Schrift von Moritz Spanier. Sie läßt im ersten Kapitel die Geschichte der Juden in Magdeburg von ihrer geschichtlich nachweisbaren ersten Niederlassung im Jahre g65 bis zu ihrer Vertreibung i4g2 in wechselnden Bildern an uns vorüberziehen. Die folgenden Kapitel behandeln die Geschichte der Magdeburger Juden von ihrer Wiederansiedlung 1705 bis zur Ge- 126

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.