Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 619 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen für „Zeit" das Wort Kairos. Genau ist das der Zeitpunkt, also die inhaltlich bestimmte, einmalige Zeit. Nicht einfach der Ablauf der Zeit, sondern der individuelle, unvergleichliche und unwiederholbare Charakter des bestimmten Zeitpunktes wird ins Auge gefaßt. Man spricht deshalb von der „Fülle der Zeil" als dem Termin, da das Heil erscheint; und oft ist im Neuen Testament davon die Rede. Ja, durch die ganze Bibel zieht sich dieser Sprachgebrauch. Er gibt Ausdruck einem absoluten Zeitbewußtsein, wie es schon die Propheten gewaltig vertreten haben, und wie es in der jüdischen Apokalyptik seinen schulmäßigen Ausdruck fand. Aus solchen Zusammenhängen heraus entstanden, eignet sich der Begriff Kairos besonders gut dazu, die Spannung, ja die unendliche Verantwortlichkeit der Zeit, in der wir leben, zu kennzeichnen. Was nicht im Bewußtsein des „Kairos" geschieht, ist Sünde. Wie umgekehrt das eigentlich Göttliche in jedem Zeitpunkt kairos-gemäß durchbricht. Daher sich denn um den Herausgeber des Jahrbuches, das diesen Titel trägt, Menschen fesammelt haben, die ohne parteimäßige Binung eben diesem absoluten Zeitbewußtsein gehorchen möchten. Das philosophische und theologische ebenso gut wie das historische und psychologische Denken, das den einzelnen Artikeln zugrundeliegt, geht jeweils seine eigenen Bahnen, die ganz dem Urteil des betreffenden Mitarbeiters überlassen sind. Aber inhaltlich waltet in dem ganzen Band der Wille zum Ernst gegenüber unserem, heutigen „Kairos", so daß ein intimes Erfassen der Geisteslage die Voraussetzung bildet für die Geisteswendung, deren Vollzug erst die Probe auf die Echtheit jener Erkenntnis hefern muß. Bei der Wichtigkeit, die heute der begrifflichen Klärung der Zeit-Form zukommt, kann dieses Jahrbuch auf einen Leserkreis rechnen, der mit Spannung den Pfaden folgen wird, auf denen hier verschiedene Wanderer von verschiedenen Seiten her doch einem einzigen Ziel energisch entgegenstreben: der Einsicht in das Gebot der Stunde und dem Gehorsam gegen es! Heinrich Frick. Sir Galahads „Idiotenführer durch dierussischeLiteratur" ist in der Kühnheit seiner Idee und der unerschrockenen, von großer Intelligenz und Sachkenntnis getragenen Durchführung dieser Idee eines jener Werke, denen man mit Empörung oder mit Begeisterung, nie aber mit Gleichgültigkeit begegnet. Und darum kann man auch nicht untätig bleiben, wenn Galahad gerade das Fundament seines sonst so wohlgefügten Gedankengebäudes aus minderwertigem Material bereitet. Seine mutige Kampfschrift gegen dieAnmaßung'Rußlands—„dieser uralten Masse ohne Mythos, ohne Struktur, ohne Religion, ohne Alphabet" — die übrige Menschheit „russisch zu machen", soll hier durchaus nicht in allen ihren Teilen kritisch untersucht und bewertet werden. Es kommt bei den nachstehenden Ausführungen ausschließlich auf jenes „Fundament" an, und nur zum Verständnis dieser Ausführungen sei zunächst der Inhalt des „Idiotenführers" — übrigens: sollen eigentlich Idioten geführt werden oder ist der Titel mißglückt? — kurz umrissen. Sir Galahad entwickelt den Gedanken, daß die Russen das einzige Volk seien, dem in allen seinen Schichten das Urchristentum von jeher wie ein nach Maß gearbeitetes Gewand gepaßt habe, daß das heute von Vielen so gepriesene Russentum identisch mit der Urgesta.lt des Christentums sei, und daß daher Rußland, indem es beanspruche, auch die übrige Menschheit russisch zu machen, ihr nichts anderes aufzwingen würde als jenes uralte Gewand, das sich die Völker seil fast 2000 Jahren passend zurechtgeschnitten haben, ein jedes seiner Gestalt gemäß; endlich, daß alle diese Völker, die heute mit dem alleinseligmachenden Russentum beglückt werden sollen, gerade durch die „starken Reservate des Blutes", mit denen sie das ihnen wesensfremde U r Christentum durchsetzten, zu einer Kultur gelangt seien, die Rußland bisher nie erreicht habe und infolge der Stagnation seines Christen- (oder Russen-)tums auch nie erreichen werde. Und so soll hier also die Russifizierung Westeuropas als Kulturideal ad absurdum geführt und zum Kampfe dagegen aufgerufen werden. Diese, oft mit absichtlich greller Übertreibung, aber großem Geist und reichem Wissen durchgearbeitete Idee geht nun aber, um noch zu einem anderen Resultat — und zwar dem eigentlich angestrebten Endresultat — zu gelangen, von einer Behauptung aus, der jede Voraussetzung fehlt, und deren Beweis daher einer näheren Untersuchung auch nicht standhalten kann. Sir Galahad stellt nämlich die u r christliche, somit auch russische Idee, in 619