Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1927)
- Article
- Das christliche Ghetto
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 563 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Das christliche Ghetto einer mehr als tausendjährigen Christenverfolgung. Sie haben nach der verräterischen Übergabe Babylons, 641, begonnen. Im Jahre 1802 wird noch einmal, in Kairo, ein koptisches Viertel gestürmt Noch 1924, da ich im Ghetto von Babylon stand, wagt es im Grunde seines Herzens kein Kopte zu glauben, daß diese Ereignisse endgültig der Vergangenheit angehören. Ich trete vor den alten Priester von Märi Girgis, der am Eingang seiner verkommenen Kirche sitzt. Sein Bild würde mir im Gedächtnis bleiben, auch wenn meine Camera ihn nicht gespiegelt hätte. Er sitzt mit der Unbeweglichkeit des Weisen auf der hohen Bank. Es ist ein Zweifel erlaubt, ob er schreiben oder auch nur einwandfrei lesen kann. Er gehört ohne Frage zu einer Generation von Priestern, deren Wissen in der Beherrschung der liturgischen Dienste sich erschöpft Aber wenn er nun in leichter Bewegung den Kopf erhebt, so enthält das den ganzen sicheren Stolz eines Volkes, das unter Anrufung Christi und seines Kreuzes diese Geschichte bestand. Der schwarze Turban, der sein weiß-gerahmtes Gesicht beherrscht, das schwarze Gewand, das seinen unbeholfenen Körper bedeckt, sind die freiwillig bewahrten Reste des erzwungenen allgemeinen christlichen Kaftans. Der Abuna weiß es. Die Lässigkeit seiner rassereinen feingegliederten Hand verweist ohne Bewegung auf die schwarze Krone, die ihm Amt und Würde verleiht. Als ich nach stummer Zwiesprache von ihm Abschied nehme, steigt er mit einer köstlichen Umständlichkeit von seinem Stuhl herab. Das Königliche seiner Haltung ist geschwunden. Mit einer etwas bäuerlichen Unsicherheit und mit fast kindlichem Vertrauen legt er seine wissende Hand in die meine. Ich bin tief bewegt Es beschämt mich die Treue eines christlichen Volkes. 38 563