Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 529 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. die Verdeutschung auch des Alten Testaments. Oberall da, wo es „Christus trieb", „wo es so für ihn, den Christen, lebendiges Gotteswort war", hat Luther in unbedingter, „steifer" Wörtlichkeit übersetzt, während er überall sonst „die hebräischen Worte fahren" ließ und frei den Sinn gab. Wenn aber derart die wahre Übersetzung aus und nach dem Glaubensverhältnis geschieht, so muß in einer Zeit, in der das Glaubensverhältnis zur Bibel sich durchaus gewandelt hat, es nicht nur erlaubt, sondern geboten sein, die Glaubensfrage des Übersetzens neu an das Buch zu stellen. Erlaubt und geboten, obwohl neben - der allgemeinen theoretischen Unmöglichkeit des Übersetzens hier noch eine weitere: eine dritte raumzeitliche Bestimmtheit gewissermaßen, sich der Aufgabe entgegenstellt. Denn „jedes große Werk einer Sprache kann in gewissem Sinne nur einmal übersetzt werden" — dann nämlich, wenn seine geschichtliche Stunde gekommen ist, wenn nicht allein subjektives Interesse Einzelner sich zu seiner Erfassung drängt, sondern wenn es in der Breite einer welthistorischen Bewegung aufgenommen wird. Dieser Augenblick war für die Bibel der der Übersetzung Luthers. Und abermals häufen sich damit die Hindernisse: nicht nur die Tat der Lutherschen Obersetzung selbst, sondern auch die Gewalt ihrer geschichtlichen Wirkung hat einer neuen Obersetzung den Riegel vorgeschoben. Luthers Werk hat sich für sein Volk von dem Glaubensleben seines Urhebers gelöst: es ist auf der einen Seite zum Grundbuch einer Kirche, zum Träger ihrer Sichtbarkeit selbst: auf der anderen — und für den Übersetzer noch entscheidender — zum Grundbuch der nationalen Sprache: zur Begründerin der deutschen Schriftsprache geworden, über deren Umkreis kein heute Schreibender hinausgreifen kann. Niemals kann darum eine heutige Bibelübersetzung sich mit der Luthers zu messen suchen, noch um die Kränze ringen wollen, die sie errang. Was kann nun aber angesichts dieser gewaltigen, klar überschauten Hindernisse und trotz dieser tiefen Selbstbescheidung dem heutigen Übersetzer der Bibel den Mut und die Kraft zu dem Trotzdem des ungeheuren Wagnisses geben? Eben sein Glaubensverhältnis zur Schrift selbst: die Gewißheit, daß dieses Buch allein unter allen Büchern der Menschheit nicht bloßes Kulturgut werden darf — daß es lebendig bleiben, und das heißt immer neu lebendig werden muß: daß die Menschen über seinem Besitz nicht einschlafen dürfen, daß es beständig mit dem eignen wachen Herzen konfrontiert werden, daß ganz persönlich mit jedem seiner Worte gerungen werden muß. Dies neue Glaubensverhältnis zur Schrift kann darum nicht wie das Luthers wählen, kann nicht einen bestimmten, fest umrissenen Glaubensinhalt, bestimmte Worte der Bibel als gültig und ewig, als in einem tieferen Sinne wahr als andere herauslösen, sondern ihm ist das Ganze der Schrift gleicherweise gegeben im Glauben an die unerschöpfliche Möglichkeit ihres Lebendigwerdenkönnens. Diesem Glaube, der nichts anderes ist als grenzenloses Aufgetansein, unbedingte Bereitschaft für das, was in jedem Augenblick aus jedem Wort der Schrift hervorbrechen kann, muß jedes Wort der Schrift von gleicher Wichtigkeit sein, und darum muß diesem Glaubensverhältnis mit Notwendigkeit eine andere Übersetzung entfließen. Das also ist die vielumf ochtene „religiöse Erneuerung", aus der das neue Wort und der neue Sinn des Bibelwortes kommt — eine Erneuerung, die nichts mit Romantik zu tun hat: weder im Sinne des Zurückgreifens auf das Alte, noch in dem eines rein innerlichen, die zeitgegebenen Notwendigkeiten und Wirklichkeiten überspringenden Sichzurückziehens auf ein zeitlos Ewiges, sondern eben wirklich eine Erneuerung: ein Neuwerden an den Forderungen einer veränderten Zeit, das in ihnen als der einzigen Form seines Sichtbarwerdens das Ewige «u erfassen strebt. Eine Erneuerung, die sich bescheiden auf das ihre, d. h. in die Grenzen des heute Möglichen, zurückzieht und diedoch zugleich unbedingte Bereitschaft ist für das Grenzenlose, das in jedem Augenblick wirklich werden kann: ein Neuwerden und Wachsein, das Wachen mit dem Gott durch seine Schicksals- und Sterbestunde hindurch.— Der Verfasser dieses kleinen Meislerwerkes steht nicht weniger fest und bewußt auf dexa, Boden seiner Zeit als Luther auf dem der seinen. In der Gesetzmäßigkeit der Sprachentwicklung weist er sich selbst seine Aufgabe und deren Grenzen an: demütig vor dem Schreiten, des Weltgeists durch die Zeiten, stolz aus den Tiefen einer Fragestellung, in denen die, die diese Übersetzung wagten, mit ihrem großem Werke selber wohnen. Margarete Susmann. 529