Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- 527 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. Freiheitsproblem wird von Schrift zu Schrift Drieschs an Einsichten reicher, womit freilich die Lösung erschwert wird. Von den ersten systematischen Darlegungen an, 1917 in der Wirklichkeitslehre und dem Problem der Freiheit, bis zum letzten hat die Möglichkeil bzw. die Wahrscheinlichkeit der echten Freiheit an Kraft gewonnen, und die Freiheit des Nein- Sagens wird in den Vordergrund gerückt. Für die Freiheit spricht u. a. die Tatsache des bewußten Erlebens, das sittliche Bewußtsein, das Wesen des Experiments, gegen sie die Prophetie, die Lehre der Stoa vom ursprünglichen Guten im Menschen, Terminsuggestion usw. Die Frage bleibt also offen. Das Buch ist ein neuer wichtiger Bauslein im Drieschschen Gedankengebäude, es erweitert seine Lehre und was das Erfreulichste ist, es zeigt den Meister in fortschreitender geistiger Bewegung. Insbesondere tritt hier seine aktivere philosophische Beziehung zu Geschichte und Kulturwissenschaften hervor; und wenn wir einen Wunsch hätten, so wäre es der, daß er mit aller Ausführlichkeit auch diese Gebiete psychologisch und logisch durchdringe. Vielleicht wird im Anschluß daran seine Metaphysik dieser Gebiete ertragreicher und optimistischer werden. Oskar Wolfsberg. Rudolf Koch: Das Zeichenbuch. Zweite erweiterte Auflage 1926, Verlag W. Gerstung, Offenbach a. M. Mit wirklicher Freude möchte ich die aufmerksamen Leser meiner Aufsätze über Schriften und Zeichen in den vorangehenden Heften auf die Neuauflage von Rudolf Kochs Zeichenbuch aufmerksam machen, die diese schöne Sammlung von Symbolen, Bildern und Marken, deren erste Ausgabe rasch vergriffen war, nun wieder zugänglich macht. Was hier Rudolf Koch mit Hilfe von Freunden gesammelt, gezeichnet und erläutert hat, ist ein in seiner Art einziges Bilderbuch, ein Bilderbuch nämlich, das bei der denkbar größten Bemühung, tote Zeichen zusammenzutragen, die ganze Lebendigkeil und Trefflichkeit der alten Formen zu erhallen verstanden hat und sie spürbar werden läßt. Ob es sich um runische, astrologische oder christliche Zeichen, um Steinmetzmarken, chemische Siglen oder Kaisermonogramme handelt — in allen i3 Kapiteln wird in rührend schlichter Weise die Sache selbst zur Darstellung gebracht und die Erläuterung aus dem' Geiste gesammelter Beschauung gegeben. Wie weit die Erklärungen der Kritik standhalten werden, weiß ich nicht in allen Fällen, denn Zeichen zeigen andere Seiten je nachdem sie betrachtet werden; wir haben es oben S. 91 am Henkelkreuz 5 gesehen, und am Jesuilensymbol IHS, das aus griechischer Namensabkürzung Jes. zu lateinischem Jesus Hnminum Salvator und zu deutschem Jesus Heiland Seligmacher umgedeutet wurde, läßt es sich durch die Jahrhunderte verfolgen. Aber daß ihre Erklärung bei Koch in den besten und sorglichsten Händen liegt, das beweist mir mehr als die i3 sammlerischcn Kapitel — das vierzehnte, vielmehr das erste, das unier dem Titel: die allgemeinen Zeichen so ergreifend einfältige und zugleich in sich feste Grundkräfte alles Zeichenwesens bloßlegt und verbindel, daß ich, der ich verpflichtet wäre zu protestieren, weil Koch die „Unbelegbarkeit". dieser allgemeinen Zeichen nur in der Verlagsanzeige, nicht aber im Buche selbst angemerkt hat, zu meiner eigenen Verwunderung gestehen muß: dieser Mann hat das Recht, seine erfundenen Zeichen vor die allen „belegbaren" zu setzen, denn er hat ihnen bis ins Herz gesehen und weiß, wie sie wurden. Um von dem Reichtum des Inhalts eine Vorstellung zu geben, nur kurze Worte. Da finden sich das Christusmonogramm XP, über das ich oben sprach, und das Alpha und Omega, A und O des Alphabets; das herrliche Monogramm Karls des Großen und die prächtige Marke Peter Vischers; der siebenarmige Leuchter und die drei ineinandergeschlungenen Ringe, die nicht auseinanderzutrennen sind, „ein alles Zeichen der Dreifaltigkeil". Die wundervollen Zeichen alter Chemie mit ihrer augenfälligen Bedeutsamkeit stehen neben dem Planetenzeichen der Venus und dem Dreizack des Neptun. Herrlich die Krümme des Hirtenstabs, des „Baselstabs" aus dem Wappen Basels, und die Kronen der heiligen drei Könige, das Wahrzeichen Kölns. Schön auch in ihrer klaren Eckigkeit die Runen des Nordens, bei denen die warmen Worte stehen: daß bei einem Teil der in diesem Buch aufgeführten Zeichen wohl nordische Einflüsse vorhanden sind, daß aber „gerade die bedeutungsvollen und tief sinnbildlichen Grundformen uns in die dunkle und geheimnisvolle Frühgeschichte der Menschen im fernen Osten verweisen". Packend, wie — ganz unbeschwert und ungelehxt — aus Spitzen und Dreiecken, die sich 527