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Der Morgen · 1926-12-01 · Heft 5 (Dezember 1926) · p. 525

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 5 (Dezember 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-12-01
Page
525 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen. die Kultur oder das Recht, den Staat oder die Kirche „geschichtliche Größen" nennen? Was liegt talsächlich vor, wenn wir sagen, daß die Vergangenheil, d. h. ein in der Vergangenheit Liegendes „in die Gegenwart hineinrage" oder daß ein Gegenwärtiges in die Vergangenheit „hinaufreiche"? — Diese Fragen erörtert der Verfasser in bezug auf die gesellschaftlichen Gebilde der Familie, der Nation, des Staates, der Kirche, der politischen Partei, der Kultur und des Rechtes. Aus den Anmerkungen und Nebenbemerkungen des Buches ließen sich gelehrte Wälzer machen. Die Kilographen der Gesellschaftswissenschaft könnten sich an Rothenbücher ein Beispiel nehmen, wie man auf knappem Raum viel und vielsagendes zusammenfassen kann. Eine Talsachen und Begriffe meisternde Intelligenz durchdringt mit ruhig abwägendem Urteil eine Materie, die vielfach schon Gegenstand wissenschaftlicher Behandlung gewesen ist. Und doch, wie neu und aufschlußreich ist alles, was der Verfasser vorbringt! Die peinlich saubere Gedankenführung deckt in scheinbar abgebrauchten Begriffen neue konkrete Tatbestände auf. Ein sachlicher Stil ohne jeden technischen Kauderwelsch gestaltet, hie und da mit einem leichten Anflug lächelnder Ironie, die fest uiurissenen Probleme. Ich kenne nur wenige sozialwissenschaftliche Bücher der Gegenwart, die, ob sie gleich dem wertvoll Neuen aufgeschlossen sind, keine Spur lärmender Tagesbewegtheit zeigen. Hier gibt es nur wahr und falsch, richtig und unrichtig — hier geht es um Erkenntnis, die zwar das Irrationale anerkennt, aber nicht im Irrationalen versinkt. Man legt das Buch dankbar aus der Hand; man ist reicher an Kenntnissen und Einsichten geworden. Man hat Wichtiges gelernt. — J.Goldstein. Kurt Breysig: Vom geschichtlichen Werden. Umrisse einer zukünftigen Geschieh tsl ehre. Bd. I: Persönlichkeit und Entwicklung. Bd. II: Die Macht des Gedankens in der Geschichte (in Auseinandersetzung mit Marx und Hegel). J. G. Cottasche Buchhandlung Nachf. Stuttgart und Berlin 1925 und 1926. Zusammen p3o S. Dieses bisher in zwei Bänden vorliegende Werk des Berliner Historikers soll eine allgemeine Einleitung zu einer Geschichlslchre sein. Ich möchte sie als eine Geschichtsphilosophie großen Ausmaßes bezeichnen, deren letzte Umrisse allerdings noch nicht deutlich sichtbar sind. Ein Grundgedanke, mannigfach variiert, arbeitet sich durch das Werk hindurch: Die Bedeutung der schöpferischen Persönlichkeit für das geschichtliche Leben. Dieser Grundgedanke wird an zahlreichen Beispielen dargelegt, erwiesen und im Kampf mit entgegenstehenden Auffassungen siegreich behauptet. Das geschieht aber nicht im Stile Carlyles oder Treilschkcs, die dem Massen- und Sachgeschehen des historischen Lebens nicht gerecht werden, sondern es geschieht unter voller Berücksichtigung der soziologischen und wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten der letzten Jahrzehnte. Diese Arbeiten rückten die Bedeutung des Massen- und Sachgeschehens so sehr in den Vordergrund, daß alle personale Kausalität aus der Geschichte zu verschwinden schien. Hier setzt Breysig mit einem kräftigen Ruck ein; er stellt die Tatsachen wieder in den richtigen Sehwinkel. Persönlichkeit und Massengeschehen werden in ihrem sich gegenseitig bedingenden Wechselspiel geschildert, wobei aber gezeigt wird, daß die schöpferische Persönlichkeit stets die um-wälzende Kraft, die formende Macht und damit das unberechenbar Neue in die geschichtliche Welt gebracht hat. Wie Einzelgeschchen in Gesamtgeschehen übergeht, wie die persönliche Kraft sich verstrahlt in die dumpfe Unrpersönlichkeit der Masse, das wird mit den Begriffsmitteln moderner Soziologie an zahlreichen Beispielen veranschaulicht, besonders eindrucksvoll an der Entstehung und Ausbreitung des Christentums. Mit sinnenfroher, oft bildkühner Sprache packt Breysig die bewegenden Fragen der Geschichtsphilosophie an; viel Treffendes und Aufschlußreiches wird gesagt, wenn man auch manchmal wünschte, der Verfasser möchte sein stürmisches Temperament im Interesse einer strafferen und deutlicheren Gliederung des ihm fast allzureich zuströmenden Stoffes etwas zurückhalten. Das Werk würde dadurch an geschlossener Einheit gewinnen. Es ist hier nicht der Ort, die metaphysisch verdämmernden Hintergründe dieser Geschichtslehre näher zu besprechen; ich möchte noch den dritten Band abwarten. Es scheint sich um einen Versuch zu handeln, die geschichtliche Welt in einem ununterbrochenen Zusammenhang mit der Natur zu begreifen. — Die größere Hälfte des zweiten Bandes ist einer positiven Kritik der Marxschen und der Hegeischen Geschichtsph'Iosophie gewidmet. Man muß den Scharfblick, die synthetische. Kraft und die ehrfurchtsvolle Hai- 525

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