Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 409 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen Es gibt in ihr Mannigfaltigkeiten der Ausprägung, die gerade so groß sind wie die Mannigfaltigkeiten auf irgend einem andern geistigen Gebiet. Die Mannigfaltigkeiten der Mystik sind als solche wiederum nicht durch Rasse oder Landschaft bedingt, sondern sie können innerhalb derselben Rasse und desselben Kulturkreises nebeneinander auftreten. — Dies alles wird nun in dem Buche mit wissenschaftlicher Sorgfalt nachgewiesen. Wie Otto die Fülle des Stoffes meistert, wie er den Sinngehalt der oft spröden und fremdartigen Begriffe sicher erfaßt und die Tragweite der mystischen Erkenntnisinhalte prüft, wie er die Typen in ihrer Gleichheit und Ungleichheit herausstellt, wie er von der Mystik aus dunkle Fragen der Philosophie erhellt — das alles ist der Bewunderung wert. Man liest mit ergriffenem Gemüte dieses Buch zu Ende, überströmt von jener Freude, die aus dem Bewußtsein stammt, an wesentlicher Erkenntnis reicher geworden zu sein. Aber die Bedeutung des Buches greift über den besonderen Problemkreis der Mystik hinaus. Hier ist die für Kultur und Politik folgenreicheJEinheit des Menschengeistes an einem konkreten Beispiel wissenschaftlich erwiesen worden. Das muß weittragende Konsequenzen haben. Das 19. Jahrhundert hat das Unterscheidendbesondere der geistigen Schöpfungen, wert- und erkenntnismäßig, so übersteigert, daß es den Blick für das Gemeinsame und für die fundamentale Wesensgleichheit des Geistes fast verloren hat. In der internationalen Ideologie des Nationalismus hat dieser schicksalsvolle Prozeß bis zur Zerstörung der abendländischen Kulturgemeinschaft geführt. Das 18. Jahrhundert hat die Besonderheiten der geschichtlichen Bildungen übersehen und ist allzu leicht und allzu schnell zur Menschheit gelangt, zur Einheit alles dessen, „was Menschengesicht trägt". Heute bahnt sich eine Synthese der beiden Zeitalter an. Die Einheit, die wir zurückgewinnen, ist nicht mehr die des blassen abstrakten Vernunftbegriffes, sondern die Einheit, die durch alle sinnerfüllten Besonderheiten der geschichtlichen Welt hindurchgeht; eine dynamische Einheit, die die geistigen Sondergebilde aus feindlicher Starre löst. Wie die historische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts die Menschen in die Eitelkeit ihrer Sonderart hineingetrieben hat, so beginnt die vergleichende historische Wissenschaft unserer Tage das Gemeinsame der Völker und Rassen wieder herauszuarbeiten, ohne dabei ihre lebensvollen Besonderheiten zu entwerten. Daß solches gerade von den Schöpfungen des religiösen Bewußtsein aus geschieht, möchte fast providentiell erscheinen. Wenn auch in den Niederungen des wissenschaftlichen und politischen Massenbetriebes einstweilen die Mächte lieblosen Unverständnisses weiterwalten, so sind doch die schöpferischen Persönlichkeiten einem neuen Werke zugewandt, das uns zu der Hoffnung berechtigt, der Geist werde schließlich auch die dumpfe Beklommenheit dieser Weltepoche überwinden. J. Goldstein. Die Kreatur. Eine Zeitschrift. Viermal im Jahr erscheinend. Herausgegeben von Martin Buber, Viktor von Weizsäcker und Joseph Wittig. Erstes Heft 1926. Verlag Lambert Schneider, Berlin. i34 Seiten. Die Anregung zu dieser Zeitschrift ging von Florens Christian Rang aus, über dessen Persönlichkeit und Lehen AlfonsPaq u e t am Schluß des Heftes kurze Mitteilungen gibt und aus dessen nachgelassenem Werke ein Aufsatz „Das Reich" aufgenommen wurde. Ein Jude, ein Katholik und ein Protestant sollten sich vereinen, um durch sie „Grüße aus den Exilen" zu vermitteln. Die drei Herausgeber glauben über diese Aufgabe hinausgehen zu müssen. Dem Gruß aus den Exilen soll die Begegnung folgen und zwar in dem Raum, der einem jeden von ihnen angewiesen war. Solche Begegnung ist möglich, weil die drei Lehr- und Dienstgemeinschaften der Herausgeber im Glauben an den gemeinsamen Ursprung alles Erschaffenen verbunden sind. Die Zeitschrift will von allen Wesen, allen Dingen, allen Begebenheiten dieser Welt so reden, daß ihre Geschöpflichkeit erkennbar wird. Der Kreation eingedenk, muß ihr jede Kreatur denkwürdig werden, der sie sich-zuwendet. (S.2.) Das erste Heft bringt den erfreulichen Beweis, daß und wie solche Begegnung möglich ist. Es entrollt das Programm in seiner ganzen Breite und zeigt eine überraschende Einheitlichkeit, die nicht nur, wie das Vorwort ankündigt, im gemeinsamen Glauben an den geschöpf lichen Ursprung begründet ist, sondern in einer neuen Art, an. die Dinge heranzutreten. Das gibt den Aufsätzen ihren besonderen Reiz. Leider kommen sie auch mit Ausnahme des Wittigschen und etwa des Michelschen mehr oder minder gestelzt einher und sind deshalb nicht immer leicht verständlich. 409