Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1926)
- Article
- Ernst Marcus zum 70. Geburtstag
- Date
- 1926-10-01
- Page
- 406 (sequence 1)
- Language
- German
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Ernst Marcus zum 70. Geburtstag Am 3. September hat Ernst Marcus das 70. Lebensjahr vollendet. Ein eigenartiges Werk schuf er in 35jähriger unermüdlicher Tätigkeit. Man ist versucht, von einer Berufung dieses Mannes zu sprechen, als seien die langen arbeitfrohen Jahre ihm geschenkt zur Vollendung einer Aufgabe: zur Rettung Kants. Angeregt durch das Studium der kritischen Philosophie suchte — und fand — er ihren Sinn nicht in den Büchern, er entdeckte vielmehr Kants Probleme aufs neue und löste sie unabhängig von Kant. Darum kann und darf Marcus behaupten, „man muß den Sinn der ganzen Lehre erfaßt haben, bevor man sich mit der Durchdringung der Einzelheiten befaßt" (Tiefen des Erkennens, 1925). Was Marcus gibt, ist also nicht das übliche Aus- oder Umdeuten Kants, auch keine zustimmende oder ablehnende Kritik, es sind die Früchte des eigenen Durchdenkens derselben Rätsel. Der Titel der frühesten Veröffentlichung (1899) „Fundament der Sittlichkeit und Religion und die Konstruktion der Welt aus den Elementen Kants" verrät bereits den Umfang des Forschungsgebiets. Schon hier fällt die Unabhängigkeit von Kant in der Methode und die Obereinstimmung im Ergebnis auf, wenn auch Abweichungen in Einzelheiten vorhanden sind. Im „Fundament" erreicht die Arbeit noch nicht das Anschauliche und Lebendige der späteren Werke. Diese behandeln zumeist Teilgebiete in eingehender Weise. So die „Elementarlehre zur allgemeinen und die Grundzüge der transzendentalen Logik", die gleichzeitig in die Kategorienlehre einführt. Im „kategorischen Imperativ" wird Herkunft und präzise Beweisbarkeit der Sittenlehre gezeigt. „Aus den Tiefen des Erkennens'* (1926) kann man die Wissenschaft vom Wesen des Begriffs und von seiner Rolle im Ich- und im Weltbewußtsein bezeichnen. Das Buch führt den Untertitel eines Kommentars zur transzendentalen Logik, das ist der schwierigste Teil der Kritik der reinen Vernunft. Die Bedeutung der reinen Verstandsbegriffe, als aufbauende, verbindende Kräfte, als dynamische Funktionen, ihre Unentbehrlichkeit beim Entstehen der Erfahrung tritt hier viel deutlicher zutage, als in dem entsprechenden, schwer entzifferbaren Abschnitt der Kritik der reinen Vernunft. Von den kleineren Schriften seien genannt: „Problem der exzentrischen Empfindung" (1918) und „Kritik des Aufbaus der speziellen Relativitätstheorie" (1926), beide in den Bezirk von Einzelwissenschaften eindringend. Für das Verständnis der Kr. d. r. V. sind lehrrreich: „Ein Weg zur widerspruchsfreien Auslegung der Kr. d. r. V." (igo4) und „Die Beweisführung in der Kr.d.r.V." (Bd. 5i der Altpreußischen Monatsschrift). Der Geheime Justizrat Ernst Marcus wurde am 3. September i856 in dem westfälischen Städtchen Kamen geboren. Sem Leben spielte sich hauptsächlich in Essen ab, wo er das Richteramt ausübte bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren. Im Vorwort zu „Tiefen des Erkennens'" erzählt er, daß Schopenhauer ihn zu Kant hinleitete. Ohne Kenntnis der vorhandenen Auffassungen der Lehre Kants konnte er vorurteilslos an die Probleme herangehen. Ihre Lösung trieb ihn zu der neuen Darstellung, die das erworbene Verständnis weiter geben will. Die Hingabe an dies ihm zur Lebensaufgabe gewordene Werk, das.Vertrauen auf die Lehren, die ihm entsprießen^ haben Marcus frohen Lebensmut trotz der ihn tief berührenden Sorgen der Kriegsjahre, trotz herber Familienverluste erhalten und gestärkt. Auch die Enttäuschungen über das langjährige beharrliche Stillschweigen der Fachgelehrten sind überwunden. Den Sieg der von ihm als wahr anerkannten Lehre erwartet er von der Zukunft, wenn ein jüngeres, von wissenschaftlichen und menschlichen Vorurteilen weniger belastetes Geschlecht an die Prüfung Kantischer Wissenschaft geht. Diejenigen, die heute sein Werk anerkennen, wünschen, daß des Denkers Verzicht auf Miterleben dieser Zeit hinfällig werde, daß er die Frucht seiner auch heute noch freudig geübten Müh' und Arbeit schaue! 406